Wenn eine Klimademo das gesellschaftliche Klima vergiftet …

Symbolbild - Foto: Dimitri Wittmann / Pixabay

Zum zweiten Advent ein paar ernste Worte. Seid achtsam und respektvoll miteinander. Anlass zu diesem Artikel ist eine ausufernde Diskussion in einer Facebook-Gruppe die anlässlich der ersten Fridays for Future Demo in Erkrath und einem Artikel meiner Kollegin dazu entbrannte.

Es ist nichts Neues, dass Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei sich immer öfter Pöbeleien bis hin zu tätlichen Angriffen ausgesetzt sehen. Sie wollen helfen, schieben Schichtdienste, arbeiten in Notsituationen bis an jede Erschöpfungsgrenze, aber die gesellschaftliche Anerkennung dessen wird ihnen immer öfter versagt. Auch überregional tätige Journalisten sehen sich oft verbalen und körperlichen Attacken ausgesetzt, wenn sie versuchen ein Thema näher zu beleuchten. Dass diese Art verbaler Attacken nun auch meine Kollegin hier in Erkrath erreichte, ist neu.

Die Art, wie in der Diskussion gleichzeitig über Kinder und Jugendliche hergezogen wird, die von ihrem Grundrecht zu demonstrieren Gebrauch machen, weil es um ihre Zukunft geht, ist beschämend.

Zu den Hintergründen

Die Fridays for future Bewegung Erkrath hatte zu einer ersten Klimademo aufgerufen. Die Bewegung ist in Erkrath noch nicht sehr groß und wie mittlerweile auch in vielen anderen Städten haben sich viele Erwachsene angeschlossen, um den Schülern den Rücken zu stärken. Darunter auch Mitglieder aus einigen politischen Parteien. Genauso wie Erwachsene ohne Parteizugehörigkeit, die sich ganz privat beteiligten oder als Vertreter von Organisationen vor Ort waren.

Das Wetter war scheußlich. Kalt und regnerisch. Dennoch war meine Kollegin von Beginn an dabei und hat den Demonstrationszug später bis zum Rathaus und auch weiter begleitet. Ich kenne sie seit Jahren und ich kenne nur wenige Menschen, die so “unpolitisch” unterwegs sind, wie sie. Bevor wir vor wenigen Wochen gemeinsam die Genossenschaft “Freie Journalisten eG iG” gegründet haben, um die lokaljournalistische Vielfalt vor Ort zu erhalten, haben wir schon einige Jahre gemeinsam gearbeitet. Ich kenne sie als neutral, immer wieder hinterfragend und nicht als gedankenlos oder einseitig berichtend. Auch am vergangenen Freitag hat sie sich nicht auf eigene Schätzungen verlassen und die angegebene Telnehmerzahl von 100 Teilnehmer von der Polizei vor Ort übernommen. Nirgendwo in ihrem Artikel stand, dass “100 Jugendliche” teilgenommen hätten.

Meine Kollegin ist an der Spitze des Demonstrationszuges mitgelaufen, der sich nach einer kurzen Zwischenkundgebung vor dem Rathaus, während der der Bürgermeister nicht gesichtet wurde, weiterbewegte. Dieser hatte sich, wie er selbst in der später ausufernden Diskussion in der Facebook-Gruppe “Forum Erkrath” schrieb, verspätet und als er auf der Treppe des Rathauses erschien, waren die jungen Initiatoren schon weitergelaufen und offensichtlich nur noch die Nachhut der Demonstranten vor dem Rathaus.

Nach der Abschlusskundgebung ging meine Kollegin noch einmal zurück und wollte – aufgrund der Enttäuschung der FFF-Aktivisten – erfragen, warum Bürgermeister Christoph Schultz nicht erschienen war, stand aber vor geschlossenen Türen.

Was dann gestern, nachdem sie den Artikel über die Klimademo veröffentlichte, in der Diskussion in der Facebook-Gruppe “Forum Erkrath” auf sie einstürmte ist unbeschreiblich und beschämend, vor allem deshalb, weil einige Behauptungen von Menschen stammten, die wir seit Jahren kennen, für die wir viele von ihnen organisierte Veranstaltungen besuchten und berichtet haben, genauso neutral, wie wir das auch für viele andere tun, die ehrenamtlich etwas in Erkrath bewegen.

Auch unsere Arbeit, die meiner Kolleginnen und meine, kann man momentan allenfalls als ehrenamtlich beschreiben, denn noch sind die Einnahmen durch unsere unterstützenden Abonnenten oder Werbung gerade einmal so hoch, dass sie Fixkosten für Technik, Versicherung und ähnliches decken.

Ein paar Zitate aus der genannten Facebook-Diskussion

Ich habe einige Beiträge aus der Diskussion hier einkopiert, damit unsere Leser nachvollziehen können, was ich meine.

  • “Sorry, aber wenn man FakeNews verbreitet, sollte man darauf achten, das keine Zeugen anwesend sind.”
  • “Wenn man den Bericht liest, hat das schon ein Geschmäckle…..”
  • “Lügen haben kurze Beine, aber nicht nur weil der Grüne Gnom vorne wegging.”
  • “150 Teilnehmer??? 48 Köpfe wurden gezählt Davon 10 Berufsgrüne, die am Freitag Vormittag natürlich keiner steuerpflichtigen Arbeit nachgehen . Mehr Erwachsene als Jugendliche. Immer schön bei der Wahrheit bleiben”
  • “Können die meisten Medien nicht mehr. Die bleiben immer häufiger bei IHRER Wahrheit….”
  • “Egal wer diesen Bericht geschrieben hat , Münchhausen ist ein scheiss dagegen”

Ich füge bewusst keine Namen ein. Jeder wird selbst wissen, was er da ins World wide web tippte. Den Artikel, an dem sich diese Diskussion entzündete, finden unsere Leser hier.

Sowohl meine Kollegin, die keiner Partei angehört und seit Jahren über alles und jeden wertfrei und neutral berichtet, als auch die jungen FFF-Aktivisten wurden Spielball des “wilden Mobs”, eine andere Bezeichnung fällt mir für diese Art der vergifteten Diskussion der unterschiedlichen Gruppen gerade nicht ein.

Dass einige Vertreter unterschiedlicher Parteien sich der Demonstration angeschlossen haben, heißt weder, dass die jungen Aktivisten, die vom Grundrecht auf Demonstration Gebrauch machten, aus einer dieser Parteien stammen, noch das die berichtende Journalistin politisch motiviert ist.

Auch mein Artikel ist nicht politisch motiviert. Er drückt eher die menschlich erfahrende Enttäuschung aus. Seit Jahren denke ich, wenn ich von Kriegen lese “Schickt nicht Soldaten in den Krieg, schickt Regierende in den Ring”. Wenn ich das auf das aktuelle lokale Geschehen herunter breche, sage ich jetzt “ladet Eure politischen Differenzen nicht auf dem Rücken unschuldiger Kinder und Jugendlicher oder berichtender Journalisten ab, trefft Euch im Toni Turek Stadion und tragt Eure Differenzen dort aus”.

Es wird nicht mehr das Gleiche sein

Obwohl ich selbst und ein paar andere Menschen darauf aufmerksam machten, das die genannte Teilnehmerzahl die Schätzung der Polizei war und wieso meine Kollegin und die an der Spitze laufenden Aktivisten den Bürgermeister gar nicht mehr sehen konnten, folgte an keiner Stelle eine Entschuldigung. Meine Kollegin, die – während der “wilde Mob” in Facebook tobte – fünf Pressetermine zu absolvieren hatte, tat das gestern mit Magenschmerzen und ich kann das verstehen.

Ich bin nicht sicher, ob sie künftig noch einmal an einer Veranstaltung teilnehmen kann, die von den Menschen organisiert wird, die gestern “verbal über sie herfielen”. Wir alle schreiben mit Herzblut über all das, was in der Stadt geschieht, hören den Menschen zu, versuchen alle Seiten zu erfassen und darzustellen. Aber ein Teil der Unbeschwertheit ist gestern verloren gegangen, auch bei mir. Es wird nicht mehr das Gleiche sein, wenn ich künftig über eine Veranstaltung berichten soll, die Menschen organisieren, die ich eigentlich schätze, die aber auch auf den Hinweis hin, dass die genannte Zahl keine Erfindung meiner Kollegin war, keinen Anlass sahen, sich für ihre Kommentare über sie in irgendeiner Weise bei ihr zu entschuldigen.

So, jetzt ist mir wohler, auch wenn sich jetzt wahrscheinlich der nächste Kübel Dreck über meinem Haupt in einer der Facebook-Gruppen ergießen wird.

Einen schönen 2. Advent

Seid achtsam miteinander, denn die jungen Menschen, die ihr für die Wahrnehmung ihres demokratischen Rechts auf Demonstration lächerlich macht, sind möglicher Weise die selben, die Euch in einigen Jahren vom Pflegebett in den Rollstuhl helfen sollen.

Die Lokaljournalisten, über die ihr verbal herfallt, sind vielleicht die letzten, die vor Ort überhaupt noch über alles berichten.


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7 Kommentare

  1. Du weißt doch: Wir sind Überzeugungstäter in Sachen unabhängiger Lokaljournalismus. Die Krone richtet sich immer wieder selbst auf. 😉

  2. Nicht trotz dieser traurigen Erfahrungen, sondern gerade wegen dieser traurigen Erfahrungen brauchen wir Journalismus mehr denn je. Krone richten und weitermachen bitte, Tanja und Ria!

  3. Es gibt überall Spinner und Mitläufer, die sich im „anonymen“ Internet größer fühlen als sie sind und allen Anstand verlieren. Merkt euch die Personen auf eurer „schwarzen Liste“ und wenn mal eine Anfrage von denen kommt dankend ablehnen. Immer merken: wenn man angepöbelt wird hat man gewonnen,da dem anderen die Argumente ausgegangen sind.

  4. Danke für diesen sachlichen Kommentar mit Ihrer inneren Haltung!
    Spruchdichtungen von Laotse (etwa 300 v.):
    Damit es Frieden in der Welt gibt,
    müssen die Völker in Frieden leben.

    Damit es Frieden zwischen den Völkern gibt,
    dürfen sich die Städte nicht gegeneinander erheben.

    Damit es Frieden in den Städten gibt,
    müssen sich die Nachbarn verstehen.

    Damit es Frieden zwischen Nachbarn gibt,
    muß im eigenen Haus Frieden herrschen.

    Damit im Haus Frieden herrscht,
    muß man ihn im eigenen Herzen finden.

  5. Ja, der Beitrag ist gut und macht nachdenklich. Innehalten und die ersten Emotionen passieren lassen, bevor allzu schnell auf verletzende und sachlich falsche posts geantwortet wird, ist ein guter Ratschlag. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht denjenigen das Feld überlassen, die mit bewußten Falschmeldungen, Verleumdungen und roher Sprache versuchen, die schweigende Mit-Leserschaft auf ihre Seite zu ziehen! Das hat sich in der Geschichte schon öfter als fatal herausgestellt.
    Kopf hoch und bitte nicht resignieren!
    Peter Knitsch

  6. Liebe Ria, danke für diese wohl gesetztäen Worte. Haben mich zum Innehalten und Nachdenken gebracht. Leider kocht auch bei mir in den “Sozialen” Medien allzu schnell die Wut hoch über das, was ich da lese. Also, in Zukunft durchatmen, das Gerät zur Seite legen und überlegen, ob es das Wert ist, sich zu “outen”, wütend, enttäuscht, entrüstet oder welche negative Emotion mich eigentlich antreibt in dem Moment.
    Lass uns weitermachen. Hoffentlich bald ohne mulmiges Gefühl.
    Alles Liebe
    Susann (Krüll)

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