Schauspielhaus gastierte im Lokschuppen

Parzival (to go) von Tankred Dorst — Mitarbeit Ursula Ehler Regie und Video: Robert Lehniger Bühne und Kostüm: Kathrin Krumbein Musik: Daniel Murena Licht: Christian Schmidt Dramaturgie: Beret Evensen Theaterpädagogik: Thiemo Hackel Auf dem Bild: Alexej Lochmann, Eva Lucia Grieser, Markus Danzeisen Foto: Thomas Rabsch

„Parzival“, die Geschichte vom reinen Tor (laut der „Parsifal“- Übersetzung von Wagner) ist nach „Faust“ und „Nathan“ die dritte mobile Produktion, mit der das Schauspielhaus Düsseldorf Klassiker, an Orten außerhalb des Theaters, präsentiert. Die Requisiten sind auch bei „Parzival“, wie in den vorangegangenen Projekten, spartanisch.

Ein Podest mit Guckkasten-Wand, auf der Videosequenzen von Artusrunde, Wäldern, Auen und Seen projiziert werden. Hinzu kommen wandlungsfähige, sich frei ausspielende Mimen, die blitzschnell Kostüme und Rollen wechseln und ihre Stimmen, ähnlich wie in Fantasy-Filmen, mit Echo-Hall verstärken. Regisseur Lehnigers „Parzival“ eignet sich als „to go“-Format für Schul-Aulen, Gemeindesäle und Begegnungszentren. Die Schauspieler und Belegschaft des Düsseldorfer Schauspielhauses gastierte in der Vergangenheit in den unterschiedlichsten Locations wie der Justizvollzugsanstalt in Ratingen, Kirchen, Schulen und Gerichten, um dort Theater eindrucksvoll zu präsentieren. Dabei geht es stets um die großen Themen Liebe, Glaube, Moral und Mitmenschlichkeit, die Lehniger unter Zuhilfenahme moderner Effekte präsentiert. Dabei ist die Frage nach dem Sinn des Lebens immer Bestandteil seiner Betrachtung.

Die Geschichte des Parsifal, sechs Bücher lang und umfangreicher als die meisten Dichtungen seiner Zeit, wurden von Wolfram von Eschenbach zu Beginn des 13. Jahrhunderts aufgeschrieben. Er betrachtete die gesellschaftlichen Problemstellungen und die persönlichen Konflikte seiner Helden. „Parsival“ von Tankred Dorst der seinen Ursprung aus dessen Drama „Merlin oder das wüste Land“ hat, wurde 1981 in Düsseldorf uraufgeführt.

Parsifal, ein Junge mit Höhen und Tiefen, zog aus, um ein Ritter zu werden. Er lebt mit seiner Mutter zurückgezogen im Wald im Gespräch mit Tieren und in unberührter Natur, bis er entdeckt, dass es hinter der Lichtung eine zweite, eine aufregendere Welt gibt. Ausgestattet mit allerhand unsinnigen Ratschlägen von seiner Mutter, die die Symbiose mit dem Sohn nur widerwillig aufgeben möchte, begibt er sich auf den Weg. Seine Mutter hofft, dass wenn er scheitert, er zu ihr zurückkommt. Parsifal saugt sein neues Leben wie ein Psychopath auf. Er mutiert zu einem Geschöpf, das die Schöpfung nicht wertzuschätzen weiß. Kein Aushängeschild um ein idealer Gralskönig zu werden, der er anstrebt zu werden. Zwangsläufig übernimmt er die Lebensführung Anderer, da er so meint sein Heil zu finden. Das Ergebnis ist desaströs. Auch fehlt ihm die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln und Gut von Böse unterscheiden. Anstatt mit einem Schwert,  kämpft er mit einem Holzklotz und, wo man seinen Willen nicht akzeptiert, mordet er. Parsifal, gespielt von Henning Flüsloh, der die Titelrolle in eindrucksvoller Manier zelebrierte. Wirkt Parsifal zu Beginn des Stückes doch eher dümmlich und naiv, so wird er mit zunehmender Spieldauer zum Ekelpaket. Nach und nach legt er den Makel einer Bestie ab, bis letztendlich in ihm wieder ein Mensch zu erkennen ist.

Eine denkwürdige Vorstellung im Hochdahler Lokschuppen. „Parzival to go” stand auf dem Programm. Wie schon „Nathan“ im letzten Jahr, war auch diese Vorstellung in kürzester Zeit ausverkauft. Zu Beginn bekamen die Zuschauer von einer Mitarbeiterin des Düsseldorfer Schauspielhauses eine Einführung in das Stück, was letztendlich dem Verständnis der Zuschauer sehr entgegenkam, da wahrscheinlich nicht alle die Thematik kannten. Das Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses war in der Gesamtheit eine Sahnetorte aus der Henning Flüsloh als Parsifal doch ein wenig herausschaute. Trotzdem, alle Akteure lieferten ein eindrucksvolles Schauspiel ab. Sicherlich war es sowohl für die Schauspieler, als auch für die Zuschauer ein anspruchsvolles Stück, aber es hat sich für die Zuschauer und sicherlich für das Ensemble gelohnt. Das quirlige Ensemble hielt das Publikum zu jeder Zeit des Schauspiels in Atem. Man hatte kaum Zeit zum Luftholen, so beeindruckend war die Vorstellung. Um es in einfachen Worten zu sagen, die jungen Schauspieler des Düsseldorfer Schauspielhauses rockten den Lokschuppen.

Dachte man anfänglich, dass die vorbeifahrenden S-Bahnen stören würden, weit gefehlt, kein Zuschauer nahm sie zur Kenntnis, alle waren auf das Stück fixiert. Es kommt selten vor, dass Theaterveranstaltungen in der Stadthalle ohne Lacher oder Szenenapplaus über die Bühne gehen. Der Abend im Lokschuppen war etwas Besonderes. Zwei Stunden absolute Ruhe und volle Konzentration auf das Stück. Das war wohl dem, doch nicht einfachen Thema des Stückes, Tribut gezollt.  Viel Applaus und einige Bravorufe waren der Lohn für die „Jungen Wilden“ am Ende der knapp zweistündigen Vorstellung. Eine Fortsetzung dieses Veranstaltungskonzeptes wäre eine Bereicherung für Erkraths Kulturwelt.


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