Literarische Reise durch den Mittelmeerraum

Lieblingsliteratur - Empfehlungen von Elke Nußbaum

'Lieblingsliteratur' Symbolbild: congerdesign / Pixabay

Passend zur Urlaubszeit entführt uns Elke Nußbaum heute auf eine literarische Reise. „Herrlich übers Mittelmeer ist der Orient gedrungen…“ leitet Elke Nußbaum die literarische Reise mit den Worten Goethes ein.

Brichst du auf gen Ithaka,
wünsch dir eine lange Fahrt,
voller Abenteuer und Erkenntnisse.

Mit diesen Zeilen aus dem Gedicht Ithaka (eine der Ionischen Inseln) von Konstantinos Kavafis (1863-1933), dem griechischen Schriftsteller aus Alexandria (Ägypten), der die Odyssee als das Leben selbst zu verstehen lehrte, heiße ich Sie an Bord unseres Schiffes auf der Fahrt über das Mittelmeer herzlich willkommen.

Von der phönizischen Küste im Osten, auf der Höhe von Jerusalem, trug ein junger Stier, in den sich der Göttervater Zeus verwandelt hatte, die Königstochter Europa in Richtung Kreta hinaus auf das offene Meer. Der Schauplatz dieser Liebestollheit ist das Mittelmeer ein uralter Kulturraum, der nicht aufhört, sich selbst zu erneuern, sich selbst zu erzählen: geologisch, geopolitisch, geopoetisch.

Wünsch dir eine lange Fahrt.
Der Sommermorgen möchten viele sein,
da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit!
In nie zuvor gesehene Häfen einfährst;
Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier
Und erwirb die schönen Waren,
Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz
Und erregende Essenzen aller Art,
so reichlich du vermagst, erregende Essenzen,
besuche viele Städte in Ägypten,
damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst.

Das Mittelmeer

Illustration: DKunert / Pixabay

Das Meer zwischen den Ländern, wie das Mittelmeer im Englischen und in den romanischen Sprachen heißt, hat zahlreiche Namen. Für die Römer war es das mare nostrum – Unser Meer, für die Türken das Weiße Meer (Akdeniz), für die Juden das Große Meer (Yam gadol), für die Deutschen das Mittelmeer und für die alten Ägypter das Große Grün. In der Moderne wurde der Wortschatz um weitere Beiworte bereichert: das Binnenmeer; das umschlossene Meer; das freundliche Meer; das gläubige Meer mehrerer Religionen; das bittere Meer des Zweiten Weltkrieges; der flüssige oder sechste Kontinent, der wie ein echter Kontinent viele Völker, Kulturen und Ökonomien umfasst.

In der Antike war das Mittelmeer ein einheitlicher Zivilisationsraum. Damals konnte Platon in seinem Dialog Phaidon den Philosophen Sokrates erklären lassen, alle Anrainer säßen um das Wasser herum wie die Frösche um einen Teich. In der Antike war das Mittelmeer Schauplatz von Entdeckungsfahrten, Seeschlachten, Religionsstiftungen und Kriegen zwischen den Religionen; es war ein Umschlagplatz für Handel und Ideen. Heute ist es mit den vielen ertrunkenen Flüchtlingen auch Sinnbild für eine Identitätskrise, in der Europa steckt. 

Gemessen an den Ozeanen, ist das Mittelmeer ein kleines eng gefasstes Gewässer, umschlossen von drei Kontinenten (Europa, Afrika Asien), die ineinander übergehen und nur durch schmale Wasserstraßen voneinander getrennt sind: durch die Straße von Gibraltar, den Suezkanal und den Bosporus.

Heute ist das Mittelmeer in verschiedene Teile zerfallen:

Die eine Vorstellung ist die Ferienlandschaft, ein Vorgriff auf das Paradies, in dem sich der Mensch seiner Kleidung erledigt, um sich der Sonne und dem Meer auszuliefern; die andere ist ein Kriegsgebiet, in dem Menschen ihr Leben riskieren, um einer Bedrohung zu entgehen, die ihnen furchtbarer erscheint, als das Risiko auf dieser Reise zu sterben. Der Urlauber und der Flüchtling sind auf unheimliche Weise komplementäre Gestalten: das beginnt damit, dass sie einander immer wieder begegnen, der eine so nackt oder halbnackt wie der andere. Und es setzt sich fort, dass sie einander begleiten: es ist der Flüchtling, der, nicht selten illegal, die Teller spült, von denen der Urlauber im Ferienrestaurant isst, der seine Koffer trägt und ihm Kopien von Markentaschen verkauft. Der Urlauber und der Flüchtling bewegen sich auf gleichen Reiserouten, indessen oft in gegenläufiger Richtung und zeitversetzt.

Für die meisten Leute sind die Küsten Italiens, Spaniens, Griechenlands Sehnsuchtsorte, die sie einmal im Jahr ansteuern, um zu baden und sich erholen. Und dann gibt es die Menschen, die das ganze Jahr hier leben, vom Fischfang und vom Tourismus und die Migranten, die ihr Leben riskieren, um auf die andere Seite des Meeres zu gelangen.

Jahrhunderte, bevor 2008 die Mittelmeerunion gegründet wurde, gab es sie schon. Der Souk El Grana in Tunis wurde im 17. Jahrhundert von Juden aus Livorno gegründet, die einst aus Spanien vertrieben worden waren. Fischer, Handwerker Händler und Migranten haben den Mittelmeerraum geschaffen – und damit Europa.

Bei dem 1954 geborenen tunesischen Journalisten Hatem Bourial lesen wir die großartigen Sätze:

Ich bin Jude, Christ und Moslem. Malteser bin ich Italiener und Franzose. Ich bin der Bastard eines Soldaten der türkischen Infanterie und einer Schönen aus Genua. Ich bin die Frucht der antiken Liebe eines römischen Legionärs und einer Berberin, einer Maurin, einer Beduinin aus dem Jebel und einer sizilianischen Mama.

Die Landschaft des Mittelmeeres ruft starke Bilder hervor, zum Beispiel den Hafen als steingewordene Sehnsucht, wie der portugiesische Dichter Fernando Pessoa (1902-1985) ihn gesehen hat:

Ach, dieser Kai ist steingewordene Sehnsucht!
Und wenn das Schiff vom Kai ablegt
und man plötzlich gewahrt, dass sein Abstand klafft
zwischen dem Kai und dem Schiff,
überkommt mich – warum wohl? – eine neue Angst,
ein Nebel trauriger Gefühle
und schimmert in der Sonne meiner grasbewachsenen Ängste
wie das Fenster, an das der junge Morgen pocht,
und hüllt mich ein wie die Erinnerung an ein anderes Wesen,
das auf geheimnisvolle Weise mein ist.

Doch das Meer ist nicht nur Idyll. So wie die Witwen der griechischen Seeleute das Blau des Meeres nicht mehr ertragen, so kann auch für die Geflüchteten aus Asien und Schwarzafrika das Mittelmeer zum Grab werden und die Eilande von Lampedusa bis Lesbos, wo sich die Sehnsüchte Afrikas und Asiens mit Europa kreuzen, zu Inseln der Ertrunkenen.

Europa Mai 2012  (Die toten Hosen)

Unten im Hafen setzen sie die Segel
Fahren hinaus aufs offene Meer
Zum Abschied winken ihre Familien
Schauen ihnen noch lange hinterher

Und das Wasser liegt wie ein Spiegel
Als sie schweigend durchs Dunkel ziehen
Kaum fünfzig Meilen bis zum Ziel
Das so nah vor ihnen liegt.

Sag mir, dass das nur ein Märchen ist
Mit Happy End für alle Leute
Und wenn sie nicht gestorben sind
Leben sie noch heute

Sie kommen zu Tausenden, doch die Allermeisten
Werden das gelobte Land niemals erreichen
Denn die Patrouillen werden sie aufgreifen
Um sie in unserem Auftrag zu deportieren
Und der Rest, der wird ersaufen
Im Massengrab vom Mittelmeer

Weil das hier alles kein Märchen ist
Kein Happy End für all die Leute
Und wenn sie nicht gestorben sind
Sterben sie noch heute.

Gleichzeitig gibt es die Anziehungskraft des Meeres. So kann die mythische Figur des Odysseus, die einst den Osten und den Westen zusammenhielt auf dessen Heimkehr nach Ithaka, einer der Ionischen Inseln an der Westküste Griechenlands, zum Lotsen werden auf Reisen durch das Mittelmeer, so wie es der Dichter und Seefahrer Joseph Conrad (1857-1924) ausdrückte:

„Glücklich der Mann, der wie Odysseus eine abenteuerliche Reise erlebt hat. Für abenteuerliche Reisen kommt kein Meer dem Mittelmeer gleich – diesem Binnenmeer, das den Alten das den Alten so unermesslich und voller Wunder schien. Furchtbar und wundervoll war das Mittelmeer in Tat, denn wir selbst, beherrscht von der Kühnheit unseres Geistes und dem Beben unseres Herzens, sind allein Erzeuger aller Wunder und abenteuerlichen Geschehen dieser Welt.“

Die Figur des Odysseus ist eine wichtige, denn er ist der erste Bootsflüchtling nicht in dem Sinne, dass er flüchtet, sondern er kehrt zurück von da, wo er eigentlich herkommen ist nach langen, langen Kriegsjahren. Das ist also die umgekehrte Situation der Flüchtlinge von heute, die dorthin wollen in dieses Europa, in dem es ums Geld und vor allem auch ums Überleben geht. Aber beide sind Kriegsflüchtlinge.

Algier

Algier. Foto: Sofie Layla Thal / Pixabay

Unser Schiff steuert Algier an, die weiße Stadt, die Stadt des Historikers Fernand Paul Braudels (1902-1985), der mit seinem bahnbrechenden Buch Die Méditerranée und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps des II. zum ersten Mal das Meer ins Zentrum der historischen Analyse setzte und der damit einen ganze neuen Forschungszweig der Mittelmeerforschung angestoßen hat:

„Ich habe das Mittelmeer leidenschaftlich geliebt, vermutlich weil ich – wie so viele andere und nach so vielen anderen – aus dem Norden kam…Das Meer. Man sollte es sich vorstellen, wie die Alten es getan haben…als eine immerzu und überall gegenwärtige, wundersame Unermesslichkeit…. Was ist das, die mediterrane Welt? Tausend Dinge auf einmal. Nicht eine Landschaft, sondern unzählige Landschaften, Zivilisationen. In der Provence und in Griechenland werden die Früchte von den Olivenbäumen geschlagen; Fischer legen ihre Netze in der stillen Lagune von Venedig oder den Kanälen von Djerba aus. Die Barken der Fischer unterscheiden sich in nichts von dem Boot des Odysseus. Der beste Leser dieses Buches wird vielleicht der sein, der mit eigenen Erinnerungen, eigenen Bildern des Mittelmeeres an meinen Text herangeht, ihm eigene Farbe verleiht und mir dabei hilft, …die gewaltige Präsens dieses Meeres erfahrbar zu machen.“

Anders als Gabriel Audisio (1900-1978), Schriftsteller, in Marseille geboren, der wichtigste Vertreter eines neuen mediterranistischen Denkens, der  in seiner Essaysammlung Jeunesse de la Méditerrannée von 1935 ein neues Bild vom Mittelmeer abbildet, weniger eurozentrisch, ein Bild, das sich bemüht, verschiedene kulturelle und religiöse Elemente Islam, Judentum, Christentum) in das Bild vom Mittelmeer zu integrieren.

Von diesem Bild fühlt sich Albert Camus (1913-1960) angezogen, wenn er in Hochzeit in Tipasa schreibt:

Einige Städte, die das Glück haben, am Meer zu liegen – unter ihnen Algier -, öffnen sich dem Himmel wie ein Mund oder eine Wunde. Die Sanftheit Algiers ist beinahe italienisch. Der grausame Glanz Orans hat etwas von Spanien. Auf einem Hügel über den Schluchten des Rummels aufsteigend, erinnert Constantine an Toledo. Toledo hat seinen Greco. Die Städte, von denen ich spreche, haben keine Vergangenheit. An Malerischem bietet Oran ein Negerviertel und ein spanisches Quartier, Constantine ein Judenviertel und Algier eine Araberstadt.

Albert Camus ist im Arbeiterviertel Belcourt im Südosten Algiers aufgewachsen, am Mittelmeer hat er seine prägenden Jahre verbracht. Seine Vorfahren waren analphabetische Landarbeiter. 1940 geht Camus nach Paris, arbeitet als Lektor und übernimmt in der Zeit der Résistance die Verantwortung für die illegale Zeitung Combat. Doch das intellektuelle Klima von Paris bekommt ihm nicht, fühlt sich immer wie im Exil und sehnt sich nach Algier:

Was wir in Algier lieben gehört allen: das Meer an jeder Straßenecke, die Lichtfülle….Die Jünglinge, die am Strand des Mittelmeeres um die Wette laufen, reichen den Athleten von Delos die Hand….Über dem Hafen erhebt sich das weiße Würfelgewirr der Kasbah….Welche geheimnisvollen Zeichen und Rufe mögen…wach werden, dass sich Algier…so tief in mein Gedächtnis hat eingraben können? Wenn ich eine Zeitlang diesem Land fern bleibe, erscheinen mir seine Abende wie lauter Versprechungen eines ungreifbaren Glücks.

Doch Camus’ mittelmeerisches Denken hat auch Widerspruch erregt, wenn der algerische Dichter Moulad Mammeri (1917-1989) schreibt:

Dich haben sie, wie alle anderen, mit den Reklamesprüchen gekriegt! Sie sind dir mit dem azurblauen Himmel gekommen, dem smaragdgrünen Meer, der Sonne von Algier, die allen gleichermaßen gehört, in der wir uns alle baden ohne Unterschied. Die Kolonialherren haben uns von dem Tage die Natur zerstört, an dem sie hier eingedrungen sind.

Marseille

Marseille. Foto: Julian Hacker / Pixabay

Unser Schiff legt an im Hafen von Marseille, der ältesten Stadt Frankreichs, wo griechische Kolonisatoren einst ihre Handelspräsenz Massalia gründeten und eine der wichtigsten Pforten des Nachbarschaftsmeeres. Südfranzösische Städte wie Marseille spielten für die Eroberung, Erschließung und Besiedlung Algeriens eine zentrale Rolle. Den Eroberungsfeldzug 1830 unterstützten Marseiller Reeder mit 600 Schiffen und 50.000Matrosen. Marseiller Zeitungen hielten mit Kriegsberichterstattungen die Leser in Atem und als am 9. Juli die Nachricht vom Fall Algeriens die Runde machte, brach unter den Marktfrauen und Hafenarbeitern Marseilles kollektiver Jubel aus.

Marseille ist der größte Profiteur der Kolonisierung Algeriens, wird durch die Monopolisierung des Algerienhandels zur Metropole des Mittelmeeres und rückt vom Rand in das Zentrum mediterraner Verbindungen.

1853 eröffnete der neue Hafen Port La Joliette und Marseilles Aufstieg zum wichtigsten Hafen Frankreichs stand nichts mehr im Wege.

Marseille ist einerseits durch die Stadt – und Kolonialgeschichte an Algier, die südlichen Küsten des Mittelmeers gebunden, andererseits als eine der wichtigsten Hafenstädte an eine Welt, in der das Mittelmeer zum Teil des Weltganzen wird.

Im Roman Transit der Schriftstellerin Anna Seghers (1900-1983), der ein klassischer Marseille-Roman geworden ist, wird Marseille als Nadelöhr der Hoffnung auf ein Entkommen vor dem Hintergrund des Faschismus, der Besetzung Frankreichs und der Flucht geschildert. Im März 1941 gelang es Anna Seghers, mit ihrer Familie von Marseille aus über Martinique, New York, Veracruz nach Mexiko-Stadt auszuwandern:

Ich kam von oben her in die Bannmeile. Bei einer Biegung sah ich das Meer tief unten zwischen den Hügeln von Marseille. Etwas später sah ich die Stadt selbst gegen das Wasser. Sie erschien mir kahl und weiß wie eine afrikanische Stadt. Ich wurde endlich ruhig….Ich lief mit der Menge herunter im Wind….Und meine Leichtigkeit, die vom Hunger herrührte und von Erschöpfung, verwandelte sich in eine erhabene, großartige Leichtigkeit….Wie ich begriff, dass das, was blau leuchtete, am Ende der Cannebière, bereits das Meer war, der Alte Hafen, da spürte ich endlich nach so viel Unsinn und Elend das einzig wirkliche Glück, das jedem Menschen in jeder Sekunde zugänglich ist, das Glück zu leben…. Der Teil des Cafés, in dem ich saß, stieß an die Cannebière. Ich konnte von meinem Platz den Alten Hafen übersehen….Sie schwatzten alle unaufhörlich von ihren Transits. Ich saß ruhig und ziemlich allein in dieser Horde abfahrtssüchtiger Teufel. Ich trank meinen bitteren Kaffee-Ersatz und horchte entzückt auf das Hafengetratsch….Uraltes Hafengeschwätz, so alt wie der Alte Hafen selbst und noch älter. Wunderbarer uralter Hafentratsch, der nie verstummt ist, solang es ein Mittelländisches Meer gegeben hat, phönizischer Klatsch und kretischer, griechischer Tratsch und römischer, niemals waren die Tratscher alle geworden.

Die Einwanderung nach Marseille beginnt 1907 mit Kabylen, sie sollten die  streikenden italienischen Arbeiter in der Fabrik ersetzen. In den 20iger Jahren erscheint Marseille als französisches Chicago, als Zentrum des globalen Drogenhandels und Hotspot sozialer Konflikte. Als Drogenumschlagplatz und Schauplatz von Bandenkriminalität wurde Marseille auch zum Prüfstein französischer Integrationspolitik.

Dagegen versuchte die Kulturhauptstadt 2013 mit kulturpolitischen Großprojekten wie dem MuCEM (Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée) und der Villa Méditerranée wieder an die große multikulturelle Tradition und das kulturelle Gedächtnis des Mittelmeerraumes anzuknüpfen.

Im MuCem treffen wir Thierry Fabre (Schriftsteller, Journalist, Politologe), der die erste Ausstellung „Le Noir et le Bleu. Un rève méditerranéen“ als

Hauptkurator verantwortet hat. Thierry, 1960 in Cannes geboren, stellt zwei Problemfelder in den Mittelpunkt dieser Ausstellung und seines Denkens überhaupt: erstens die Trennung von Nord und Süd und zweitens das Unwissen darüber, was am Südufer des Mittelmeeres passiert, die Angst vor der arabischen Welt. Die Ausstellung fordert dazu auf, den Horizont zu überqueren, die Blickrichtung zu wechseln, sich für die andere Seite zu interessieren:

Ich will ein kreatives Miteinander, das die Trennung und den Vergangenheitskult überwindet. Ein Mittelmeer, das das Gedächtnis beider Ufer wahrt, denn man kann mitten im Meer keine Mauer bauen, die beiden Ufer lassen sich nicht trennen. Darin liegt die Chance des Mittelmeerraumes….Das kreative Mittelmeer setzt sich für die Durchlässigkeit der Grenzen ein und stellt sich jeder Form von Faschismus entgegen… Mir scheint am Mittelmeer gibt es – wie Nietzsche und Camus ganz richtig bemerkten – ein bestimmtes Licht, eine Helligkeit, eine fröhliche Wissenschaft, die unsere Lebensweise in die von uns gewünschte Richtung verändern können.
Sagen wir Ja zu einem mediterranen Lebensstil des 21 Jahrhunderts. Ich glaube, dass sich die Zukunft Europas am Mittelmeer entscheidet, im Guten wie im Schlechten. Außerdem braucht man im Leben Utopien.

Im Eingangsbereich zur Ausstellung „Le Noir et le Bleu“ steht das wunderbare Zitat des 1968 geborenen libanesischen Schriftstellers Wajdi Mouawad:

Es scheint, dass hier
In dieser Hartnäckigkeit zu träumen;
Ihre Unantastbarkeit liegt;
Dass in dieser Hartnäckigkeit zu träumen
Jede Kultur Sinn und Richtung findet.“

Sizilien

Palermo. Foto: Salvatore Galle / Pixabay

Unser Schiff nähert sich Sizilien, der Insel im Mittelmeer, die schon den Herrschern im alten Rom immer als eigenwilliges, schwer zu verstehendes und schwer zu regierendes Land galt. In seiner Geschichte versuchten andere, diese Insel unter ihre Gewalt zu bringen, die Einwohner werden dadurch zu Experten des Fremden; entsprechend eisern fällt die Selbstbehauptung aus, wie es der Schriftsteller Leonardo Sciascia (1921-1989) in Mein Sizilien wunderbar beschreibt:

1039 Kilometer Küste – 440 am Tyrrhenischen Meer, 312 am Afrikanischen Meer, 287 am Ionischen Meer: und doch scheint diese große Mittelmeerinsel in ihrer Art, in ihrem Leben ganz nach innen gewandt zu sein, angeklammert an Hochebenen und Berge, darauf bedacht sich dem Meer zu entziehen, als sei Sizilien keine Insel, als gelte es das Meer nicht zu sehen, damit es uns nicht sieht. Aber das Meer sieht uns, auf seinen Wogen trägt es von allen Seiten alle Arten von Invasoren an unsere Strände. Das Meer ist Siziliens ewige Unsicherheit, so wird es vom Volk wenig besungen. Der Seemann erscheint als nichts anderes, als der durch die Not aufs Meer hinausgetriebene Bauer. Oder das Meer wird zum Sinnbild erhoben wie in den Redensarten; „das Meer ist bitter“, „Lobe das Meer, aber halte dich an den Tauen fest“, „Wer über Land gehen kann, der fahre nicht übers Meer.“:  Fern ist die Welt der Odyssee: das Wunder der Morgendämmerung auf dem Meer, das Gefühl von Abenteuer und Freiheit. Von den Küsten der Insel, von ihren Häfen ist kein Sizilianer je zu einer Eroberung, einem Abenteuer aufgebrochen. Ihr Meer ist bitter, Doch nicht dem Meer, das sie umgibt, misstrauen sie, sondern dem Meer, das Berber – und Normannenritter, die lombardischen Söldner, die verhassten Barone Karls von Anjou, die Abenteurer, die aus der ‚kargen Armut Kataloniens’ kamen, die Armeen Karls V. und Ludwigs XIV, die Österreicher, Garibaldiner und Piemontesen an ihre Strände trugen; und jahrhundertelang als ständige Geißel, die algerischen Piraten, die einfielen, um Güter und Menschen zu rauben….

Als im Jahre 827 unter der Führung des Feldherren Asad ibn al-Furat eine Flotte aus dem nordafrikanischen Kairouan (heute Tunesien) auf der Insel landete und sie von den Byzantinern eroberte, begann für Sizilien mit neuen Bewässerungssystemen und Agrarkulturen sowie der Expansion der Städte Palermo, Syrakus und Marsala eine kulturelle Blütezeit. Der Handel gedieh, weil muslimische Herrscher ihre Städte jüdischen Kaufleuten öffneten.
Die Einflüsse der muslimischen Präsens auf Sizilien – und damit auch auf Europa, sind fast in allen Gebieten zu beobachten.

Lampedusa

Lampedusa. Foto MJ TF / Pixabay

Italiens Stiefel ist vom Mittelmeer umgeben, Sizilien sein Absatz, viel südlicher, aber noch viel verlorener im Meer liegt eine andere, viel kleinere Insel, rau, unbändig: Lampedusa ist eine Felseninsel und inzwischen eine Insel der Ertrunkenen. Ohne Zweifel ist das Mittelmeer das größte Massengrab Nachkriegseuropas. Bei seinem Aufenthalt auf Lampedusa erzählte ein Fischer dem Zeit-Journalisten Ladurmer, einmal habe er in seinem Netz eine halb zerfressene Leiche gefunden.

120 Kilometer von Nordafrikas Küste entfernt, 210 Kilometer von Sizilien, gehört die Insel zur Afrikanischen Kontinentalplatte. Seit rund 20 Jahren kommen Migranten aus Afrika in bis zum Bersten voll beladenen Booten hierher. Jeder Europäer kennt inzwischen den Namen dieses Punktes im Meer, dieses, wie die Zeitungen schreiben, „Sprungbretts“, „Nadelöhrs“ oder „Einfallstors“ nach Europa.

Der Zeit-Journalist Ulrich Ladurner hat 2014 ein Buch über Lampedusa mit dem Untertitel Große Geschichte einer kleinen Insel geschrieben, in dem auch das folgende Zitat von Giusy Nicolini nicht fehlen darf, das sie am 9. November 2012 per Telefon in einem offenen Brief an ganz Europa vorlas:

Ich bin die neue Bürgermeisterin der Inseln Lampedusa und Linosa. Im Mai 2012 bin ich gewählt worden, am 21. November sind mir bereits 21 Leichen übergeben worden. Diese Menschen sind ertrunken, als sie versuchten, Lampedusa zu erreichen. Das ist für mich unerträglich. Für Lampedusa ist es eine immense Bürde und ein Schmerz. Wir hatten für diese armen Seelen keinen Platz mehr auf unserem Friedhof. Wie groß soll der Friedhof meiner Insel noch werden? Ich bin empört über das Schweigen Europas, das soeben den Friedensnobelpreis erhalten hat.

Ulrich Ladurner sammelt in seinem Buch, die kargen Zeugnisse der Vergangenheit, um der aktuellen politischen Bedeutung des Symbol-Ortes Lampedusa auch eine historische Dimension zu geben. Die Lage inmitten eines feindseligen, wilden Meeres, an der Nahtstelle zwischen christlicher und muslimischer Welt, und ihre menschenleere Ödnis verleihen der Insel offenbar mythische Anziehungskraft. Es taucht nur einmal in Annalen auf, als der große Genueser Admiral Andrea Doria auf der Jagd nach den Korsaren hier Schiffbruch erleidet, die ein Dichter in einem Text aus dem 16. Jahrhundert so schildert:

Eine kleine Insel ohne Häuser, voll niedrig wachsender Myrte und Wacholder. In glücklicher Abgeschiedenheit für Hirsche, Rehe, Hasen. Außer den Fischern ist sie kaum jemandem bekannt. Wo die feuchten Netze zum Trocknen auf Bäumen hängen, und die Fische derweil im ruhigen Meer schlafen.

In der Mitte des 19. Jahrhundert erwirbt der König von Neapel die kleine Insel, die sich seit 1436 im Besitz der sizilianischen Familie Tomasi befindet. Die Familie Tomasi scheint offenbar froh darüber zu sein, sie los geworden zu sein, wenn rund 100 Jahre später Giuseppe Tomasi die Lampedusa, der Autor des berühmten Romans Der Leopard in einem spottlustigen Brief an einen Freund schreibt:

„In Lampedusa besitzen wir seit 1842 nichts mehr, weder einen Orangenhain noch einen Garten, auch weil ich glaube, dass keines dieser beiden wunderbaren Dinge auf diesen melancholischen Felsen gedeihen kann. Eine Pfarrei gab es dort nie, weil die 2.000 Lampedusaner seit jeher den Ruf haben, sich durch keine Religion binden zu lassen. Da sie früher die Komplizen und Handlanger der Barbaresken waren, sind sie, wenn überhaupt, mehr Mohammed zugeneigt als Christus …“

1986 feuerte der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi Sud-Raketen sowjetischer Bauart auf die Insel ab, denn Gaddafi ist wütend, weil amerikanische Kampfflugzeuge wegen verschiedener Terroranschläge, hinter denen die USA den Libyer vermuten, seinen Palast in Tripolis bombadiert haben.
Mit einem Schlag ist Lampedusa, das viele Italiener vor dem libyschen „Angriff“ kaum gekannt haben, weltberühmt. Die Regierung in Rom demonstrierte Gelassenheit, zeigte Solidarität mit den Lampedusanern und Lampedusa wird zu einer Insel des Massentourismus.

Und doch bleibt sein Schicksal auf tragische Weise mit Libyen verbunden. Am 3. Oktober 2013 ertrinken wenige Hundert Meter vor der Insel 380 Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea, Syrien, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Schleppern in der libyschen Stadt Misrata eingeschifft wurden. Als die Flüchtlinge in der Morgendämmerung die Konturen der Insel erkennen, entzünden sie ein Feuer, um auf sich aufmerksam zu machen; sie hoffen auf schnelle Hilfe, aber niemand kommt. Das Feuer gerät außer Kontrolle, Panik bricht aus, und das Schiff kentert – wie zum Hohn nur ein paar Hundert Meter vor dem weißen Sandstrand von Lampedusa, dem größten Touristenmagneten der Insel.

Und bis heute wird die Fahrt ins gelobte Land Europa für über 20 000 Menschen von ihnen zur „Jenseitsfahrt“; Lampedusa wird zur Nagelprobe für Europa, einen Kontinent, der sich als Geburtsstätte und Hort der humanistischen Tradition versteht.

Man konnte nicht mehr bleiben, keinen weiteren Tag mehr.
Der nächste Schritt in meiner Stadt,
war der letzte Schritt in meinem Land
und der schlimmste Schritt dann auf dieses rostige Boot,
was wanken wird zunächst,
uns halten wird zunächst.
Und dann wird es sinken. Uns dem Meer übergeben.
Im Meer so trostlos,
er Mond versteckt sich hinter den Wolken.
ie Nacht so dunkel… du siehst “nichts”.
tundenlang “nichts”.
Und wenn ich im Dunkeln die Augen schließe, höre ich meiner Mutters Stimme.
Um uns her ist nur das Meer, als wär unser Boot das Herz aller Dinge.
Ich öffne die Augen und flüstre Richtung Himmel.
Denn Gebete sind unsere Segel…
Rettungswesten werden den Rest übernehmen,
ur die Hoffnung können sie nicht tragen:
in Mann schwimmt auf mich zu “hier nimm Du,
ich schaffe es nicht mehr: Ein Jahr ist er alt und Bassem sein Name”.
er Vater gleitet aus der Weste ins ewig Dunkelblaue…
So wurde ich das erste Mal Vater. Im Meer also. Per Übergabe also.
Der Mann aus der Weste gab mir sein Erbgut als Erbe.

aus  Babak Ghassim und  Usama Elyas, denMitbegründern von RebellComedy.

Griechenland

Zakynthos / Griechenland. Foto: Greg Montani / Pixabay

Unser Schiff steuert auf Griechenland zu mit seinen insgesamt 3.054 Inseln (von denen nur 87 bewohnt sind) und mit einem Textauszug aus Der Mediterran des kroatischen Schriftstellers Predrag Matvejevic (1932-2007):

Wir alle wenden uns Griechenland zu. Jeder hält es für seine Heimat, aber keinem gehört es. Es liegt nicht nur am Meer, es nennt auch Gebirge mit schneebedeckten Gipfeln sein eigen. Das Meer umspült seine Gestade, dringt in sie ein…, die Inseln sind immer noch am selben Platz, dort, wo sie zur Zeit der Antike waren: die Farbe des Himmels ist wie einst und doch die Vergangenheit kehrt nicht wieder: Griechenland und die Magna Graeca haben sich lange getrennt, Byzanz und das westliche Reich fanden sich nicht wieder…Die Griechen blieben zu Hause und waren unzufrieden, oder sie verließen ihr Land und hatten Heimweh. Das Wort Nostalgie ist zutiefst griechisch. Das Schicksal des Mediterran verfließt mit dem Schicksal Griechenlands.

Die Griechen und ihr Meer, das ist eine lange Geschichte, angefangen mit Odysseus, der von zu Hause aufbricht, Abenteuer erlebt, im Laufe der Zeit reift und nach Hause zurückkehrt mit einer Geschichte, die sich inzwischen rund um das Mittelmeer verbreitet hat.

Die Odyssee des Homer beginnt mit einer Anrufung der Kalliope, der Muse des Epos und fährt fort:

Sage mir, Muse, die Taten des viel gewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehen, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft…

Odysseus sitzt sieben Jahre fest, gefangen gehalten von der Nymphe Kalypso und ihrer Liebe, unterstützt von Poseidon, weil der seinen Sohn, den Kyklopen Polyphem geblendet hat.
Am Ufer des Meeres sitzend, gebietet ihm Kalypso auf Befehl der Götter, sich ein Floß zu bauen:

…Des Tages saß er auf Felsen und sandigen Hügeln,
Und zerquälte sein Herz mit Weinen und Seufzen und Jammern
Und durchschaute mit Tränen die große Wüste des Meeres.
Jetzt nahte sich ihm und sprach die herrliche Göttin:
Armer, sei nicht immer so traurig, und härme dein Leben
Hier nicht ab; ich bin ja bereit, dich von mir zu lassen.
Haue zum breiten Floß dir hohe Bäume, verbinde
Dann die Balken mit Erz, und oben befestigte Bretter;
Daß er über die Wogen des dunklen Meeres dich trage.

Odysseus sticht in See, doch Poseidon wird zornig:

…versammelte Wolken, und regt das Meer auf
Mit dem erhobenen Dreizack; riet jetzt allen Orkanen
Aller Enden zu toben, verhüllt in dicke Gewölke
Meer und Erde zugleich…
Hierhin und dorthin treiben den Floß die Ströme des Meers.

Auf Anraten der Meeresgöttin Leukothea zieht er seine Kleider aus, springt nackt in die Flut, um schwimmend rettendes Land zu erreichen.

…Allein da die Woge zurückkam,
Raffte sie ihn mit Gewalt, und schleudert’ ihn fern in das Weltmeer…
Jetzo wäre der Dulder auch wider sein Schicksal gestorben.
Hätt ihn nicht Pallas Athene mit schnellem Verstande gerüstet.
Aber er schwung sich empor aus dem Schwalle der schäumenden Brandung.
Schwamm herum, und sah nach dem Land’, abhängiges Ufer
Irgendwo auszuspähn und sichere Busen des Meeres.
Jetzto hatt’ er nun endlich die Mündung des herrlichen Stromes
Schwimmend erreicht. Hier fand er bequem zum Landen das Ufer…

Er wird ans Land der Phäaken gespült, nicht weit entfernt von seiner Heimat Ithaka.

Also schlummerte dort der herrliche Dulder Odysseus
Überwältigt von Schlaf und Arbeit.

Rettung naht in Gestalt von Nausikaa, der Königstochter, die am Strand mit ihren Freundinnen Ball spielt und Odysseus durch deren Toben wach wird; Nausikaa, bringt ihn zu ihrem Vater Alkinoos, dem König der Phäaken und Odysseus erzählt seine Geschichte seit der Abfahrt von Kalypso. –

Homer hat das Mittelmeer um Wundergeschichten erweitert und Odysseus sein Seemannsgarn gesponnen wie wir es in der Seefahrt und der Seefahrerliteratur vorfinden, so auch bei dem auf Kreta geborenen Schriftsteller Nikos Katzantzakis (1883-1957):

Ich ging ans Meer, das ewige Element Griechenlands, schwamm, legte mich dann flach auf die Kiesel, hörte aus der Ferne die Menschenherde und blickte hinaus nach Zante und noch weiter nach unserer heimlichen Heimat Ithaka. Und plötzlich tauchte wieder aus dem Meer über die Wogen reitend Odysseus’ Schiff. Der Kapitän saß wie gewohnt am Steuer, die spitze Mütze bis zu den Augenbrauen heruntergezogen. Es glitzerten die kleinen Augen voller List, die Brauen zusammengezogen – als wäge er mit dem einen Auge eine Insel ab, die er erobern möchte, oder eine Wolke, die plötzlich am Himmel auftauchte, mit Winden beladen. Oder als wäge er seine eigene Kraft ab vor der Entscheidung, ob er tapfer oder verschlagen sein sollte. Ich richte die Blicke nach Ithaka und spüre auf meiner Stirn die frische Brise, welche seine Schläfen umhauchte, als er im Morgengrauen die Tür seines Palastes öffnete – nicht mehr vermochten ihn Frau und Sohn und Heimat und die heimischen Götter zu halten; er stach in See und kehrte nie mehr zurück… Nachts träumte Telemach von ihm, er sah ihn, wie er die zwei Ruder wie zwei Flügel auf den Schultern trug und so zum Olymp hinauf fuhr. Telemach sprang erschrocken auf und rief: „Der Vater ist gestorben.“
Doch du, Schiffsherr von Griechenland mit der spitzen Mütze, dem wachklugen ruhigen Auge, mit dem Kopf, der Mythen erfindet und sich über die Lüge wie ein Kunstwerk freut, trotzig, kühn durchtrieben, sitzt im Schiffe Griechenlands und hältst das Steuer…
Die Sonne neigte sich dem Untergang zu, das Meer war wie Wein geworden…Und ich, aufgesetzt nun auf den Kieselsteinchen, kreuzte die Arme wie ein Arbeiter. Reiche Belohnung – mein Tagelohn – hatte meinen Geist erhalten, die unbezwingbare Burg, das farbenfrohe Volksfest und gegen Abend auf den Wogen schließlich den großen Schatten des Odysseus.

1492 ergeht in Spanien das königliche Dekret an die Juden, sich entweder zu taufen oder das Land zu verlassen. Die meisten von ihnen zogen von der iberischen Halbinsel in den östlichen Mittelmeerraum nach Izmir, Istanbul und Thessaloniki und errichteten hier eine der größten Gemeinden in ganz Europa. Die sephardischen Juden erweisen sich als besonders geschickt darin, schnell ein Netz von Handelsbeziehungen zu knüpfen: von den berühmten orientalischen Tabaks bis hin zu den einfachen Hafenarbeitern ist Saloniki jüdisch geprägt. Die Juden bilden unter Türken, Griechen, Albanern und Bulgaren bis ins 20. jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit – ein Sonderfall in der jüdischen Geschichte der Diaspora.

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts versechsfachte sich die Frequenz ausländischer Schiffe im Hafen; Saloniki wird zum wichtigsten Umschlagplatz für den Balkan-Handel, aber auch für militärische Auseinandersetzungen.

1915 kommt der katalanische Schriftsteller Agusti Calvet (1887-1964), der sich Gaziel nannte, als Reporter nach Saloniki und schildert die Stadt:

Am frühen Abend läuft der Dampfer Hellenia in den Golf von Saloniki ein. Sofort offenbart uns Saloniki seine orientalische Melancholie. Aus dem Häusermeer ragen rund dreißig Moscheen mit ihren gewölbteb Kuppeln und Minaretten hervor. Im Licht der Abenddämmerung bildet ihr matter Farbton einen Kontrast zu der samtigen Masse der Zypressen, die sich in der Ferne erheben, zu den großen jüdischen Friedhöfen hin, die das Städtchen säumen wie Seen der Stille. Die Stadt ist überragt von einer venezianischen Zitadelle…Aufgrund seiner Lage ist Saloniki der wichtigste Hafen des Balkans…Sofort spüren wir die eigentümliche Atmosphäre. Schiefe Melodien ertönen: Türkische Gitarren, Akkordeons, Panflöten, metallene Kastagnetten, Drehorgeln und Flöten der Schlangenbeschwörer.
Wollte ein Autor die düsteren Tage Babels schildern, er fände in Saloniki das perfekte Modell für Sprachverwirrung und Völkergemisch…

Stehen wir heute am Weißen Turm, dem Wahrzeichen von Thessaloniki längst eine griechische Stadt, dann öffnet sich vor dem Blick die Ägäis und wir ahnen am anderen Ende des Mittelmeers eine andere berühmte Hafenstadt, Alexandria, wo 1863 Konstantinos Kavafis geboren wurde, der griechische „Nationaldichter“, der das griechische Stammland kaum betreten hat. Oder Israel, wohin Tausende von Saloniki-Juden auswanderten, um den Hafen von Haifa zu bauen oder in Tel Aviv eigene Wohnviertel zu gründen.

Der nach dem Ersten Weltkrieg von Griechenland gegen die Türkei geführte Griechisch-Türkische Krieg (1919–1922) in Kleinasien führte in die Niederlage Griechenlands und in eine Flüchtlingskatastrophe. Im so genannten Bevölkerungsaustausch nach dem Lausanner Vertrag von 1922/23 mussten aus nationalstaatlichen Gründen Türken und Griechen ihre angestammte  Heimat in Kleinasien verlassen: Aus Smyrna, in dem  1920 mehr Griechen lebten als Türken wird Izmir. Die Erinnerung an die „kleinasiatische Katastrophe“ ist bis heute sehr lebendig: 700.000 griechische und armenische Flüchtlinge, die vor dem Anrücken der türkischen Truppen und dem Feuer, das sie in Smyrna legten, suchten im Hafen Zuflucht. Rettung wäre möglich gewesen; doch die vor Anker liegenden britischen, französischen, italienischen und amerikanischen Kriegsschiffe waren darauf bedacht, die Interessen ihres jeweiligen Heimatlandes zu schützen und Neutralität zu wahren. Während des Essens in der Offiziersmesse an Bord der britischen Kriegsschiffe spielte man  schwungsvolle Seemannslieder, um die Schreie zu übertönen, die von den brennenden Menschen am Kai wie den Ertrinkenden im Hafenbecken zu hören waren.

Hier wenden wir uns an den griechischen Dichter und Literaturnobelpreisträger Giorgos Seferis (1900-1971), der aus Smyrna (Izmir) stammt, 1922 mit seiner Familie fliehen muss, denn in Izmir brennen viele Häuser und 1950 noch einmal in seine alte Heimat zurückkehrt.

Die Ionische Reise ist ein Tagebuch, in dem der Dichter auf 60 Seiten  über die beiden Reisen berichtet, die er machte, ehe er 1951 eine Stelle an der Botschaft in London antrat. Es sind Fahrten in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Hier finden sich Reminiszenzen und Zikaden, Spiegeleier und die besondere Qual, die Griechen kaimos nennen und von der Seferis meint, sie sei unübersetzbar. Dieses von Schmerz durchdrungene Gefühl ist zugleich ein körperliches Erlebnis der Differenz – nicht zuletzt zwischen dem, was war, und dem, was ist. Es kommt nicht von außen wie ein Speerstoß, sondern sticht einen im Inneren. Plötzlich wird dem Ich klar, aus welchem Vermissen es besteht.

Am siebten Tag der Reise trifft dieses Gefühl Seferis. Man hat gerade Ephesos hinter sich gelassen, das Auge ist müde und nimmt nichts mehr auf. Nun nähert sich der Jeep Seferis‘ Geburtsort:

Danach gen Smyrna: vertraute Luft, ein vertrauter ländlicher Stil und der Duft der Kräuter. Dann tritt dir ganz allmählich, von innen her, die in der
Dann einiges, das ich nicht kenne. Schließlich unser „Häuschen“.
Die Scheiben des Fensters unten zerbrochen, die schmiedeeiserne Tür ganz verrostet. Ich habe in Athen immer noch den Schlüssel dazu.

In Athen verlassen wir das Schiff, gehen an Land und treffen auf  Petros Makarias. Makarias (in Deutschland bekannt geworden geworden durch seine Kriminalromane) wird 1937 als Kind einer griechisch-armenischen Ehe in Istanbul geboren, hat in Wien studiert, ehe er 1964 nach Athen kommt. Mit ihm bummeln wir durch den Ortsteil Thiseio, wo der Buch- und Antiquitätenmarkt überdauert und alle Widersprüche Athens aufeinander treffen. Makarias begrüßt es, wenn die einst so zahlreichen Kioske – nun von Migranten wieder eröffnet werden:

Wenn die Griechen jetzt staunen, dass man diesen Migranten gegenüber diesen Rassismus entwickelt. Dann sage ich immer: Ja die Einwanderer aus Kleinasien hatten auch kein besseres Schicksal, und auch die Pontos- Griechen, alle. Entschuldige, das ist nicht neu. Ich hatte mütterlicherseits eine Tante, die kam aus Kleinasien mit dem Bevölkerungstausch…wenn die erzählt, was sie alles durchmachen musste. Das ist zum Schaudern. ..Und wenn ich ihnen sage: Ihr habt doch Verwandte in Amerika, Verwandte in Deutschland, in Australien, in Kanada, die sind doch alle Migranten gewesen, dann sagen sie: Ja, aber wir sind doch keine Pakistanis…!

Obwohl das Mittelmeer durch die wachsende Bedeutung des Atlantiks und des Pazifiks zu einem Teich geschrumpft ist, wurde es zum Epizentrum der planetarischen Ära, in der sich die Religionen ebenso feindlich gegenüber stehen wie Laizismus und Religiosität, Arm und Reich, Orient und Okzident, Norden und Süden.

Doch wir müssen das Gespräch zwischen den drei Kontinenten wiederbeleben und uns dafür einsetzen, dass die Ungerechtigkeit ein Ende hat, mit der der Westen sich selbst und alles, was islamisch oder arabisch ist, mit zweierlei Maß misst. Wir können und müssen die Weltlichkeit des Mittelmeeres wieder entdecken, seine Offenheit, seine Gesprächsbereitschaft, Toleranz und Rationalität. Wir müssen wieder Bürger des Gesprächs und der Komplexität werden, denn zentrale Fragen der Zukunft Europas werden im Mittelmeerraum entschieden.

Mit den Texten zweier griechischer Schriftsteller – Die Weisheit der alten Seefahrer von M. Karagatsis (1908-1960) und dem Ende des Eingangs zitierten Gedichtes Ithaka von Konstantinos Kavadis verabschiede ich mich von meinen Schiffsgästen, die mich auf dieser „Odyssee“ durch das Mittelmeer begleitet haben:

Die Bewohner von Syros sind umgängliche und heitere Menschen. Wie alle Inselbewohner haben sie einen verträglichen Charakter, und ihre Leidenschaften sind von der zivilisierenden Zucht der Meeresnähe gebändigt.
Die Biologen haben dargelegt, dass das Leben einst im Salzwasser entstanden sei; es habe sich erst spät aufs Festland verlagert. Dasselbe bestätigen auch die Soziologen. Die darauf hinweisen, dass der auf dem Festland lebende Mensch amphibischer Natur gewesen sei und sich aufs Meer begeben habe, um dort Kultur und Gesittung zu lernen. Was wir an Schönem und Wertvollem errungen haben, hat das Meer uns geschenkt: Der Weg über das Meer ist der große Weg der allmenschlichen Begegnung, der uns die Tore des Erkennens geöffnet hat.
Über die Wogen des Meeres bewegt sich nicht nur der materielle, sondern auch der ideelle Reichtum der Erde. Der Seefahrer in fernen Häfen handelt ebenso mit Waren wie mit Einsichten und Ideen. Wer das Meer durchfahren hat, hat viel erfahren und viel gelernt, und wer es beherrscht, hält alles auf dieser Welt in seinen Händen. Es genügt einen Sonnenuntergang auf dem Meer zu erleben, um vielen Geheimnissen auf den Grund zu kommen. Die Weisheit der alten Seefahrer ist der Wahrheit nachgefahren und hat sie zum Symbol erhoben, sie hat den viel gewandten Odysseus zum Stifter menschlicher Gesittung erhoben.

Konstantinos Kavafis

Immer halte Ithaka im Sinn.
Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.

Doch beeile nur nicht deine Reise.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
Und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.


Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest, in solchem Maße erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.

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