Lange Vorlaufzeit erschwert Re-Start

V.l.n.r.: Dr. Stefan Terkatz (Vorstandsvorsitzender IG Messewesen), Silke Melles und Nicole Stein (Vorstand melles & stein), Ralph Ebben (Vorstand IG Messewesen) und Dr. Christian Untrieser (MdL)

Das Erkrather Unternehmen melles & stein befindet sich sozusagen im ‚Dauer-Lockdown‘. Es gehört einer Branche an, für die der Neustart besonders schwierig wird: Dem Messewesen.

Gemeinsam mit zwei Vertretern des noch jungen Vereins IG Messewesen, haben Silke Melles und Nicole Stein (Unternehmensvorstand) das Gespräch mit dem Erkrather Landtagsabgeordneten Dr. Christian Untrieser gesucht. Untrieser ist Mitglied des Wirtschaftsausschusses und damit ein passender Ansprechpartner für die Nöte einer Branche, deren spezifische Bedürfnisse für einen Re-Start für Aussenstehende nur schwer zu erfassen sind. Die Aussicht, dass im September unter Schutzauflagen Messen stattfinden könnten, bietet der Branche keine wirkliche Perspektive. „Wir brauchen sechs bis neun Monate Vorlauf“, erklärt Ralph Ebben, Vorstand der IG Messewesen und Inhaber eines Messebauunternehmens in Köln. Sein Unternehmen hat viele internationale Kunden und ist im In- und Ausland tätig. Neben der nicht unerheblich langen Vorbereitungszeit großer Messen kämpft sein Unternehmen noch mit anderen Hürden, denn die Materialkosten sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Damit haben Handwerksbetriebe, das Bauwesen und eben die Messebauer zu kämpfen. Der Nachschub ist knapp und Holzexporte nach Asien haben die Situation noch verschärft.

„Wir sind sehr dankbar für die Hilfen, die die Politik in der Pandemie auf den Weg gebracht hat. Die haben wirklich geholfen“, versichert Dr. Stefan Terkatz, erster Vorsitzender der IG Messenwesen. Er befürchtet aber auch, dass ein verfrühter Start und damit ein Wegfall der Hilfen und Kurzarbeitergelder, die Branche ins Wanken bringt und eine mögliche Insolvenzwelle nach sich zieht. Dann wären alle Hilfen und alles ‚Durchhalten‘ umsonst gewesen.

melles & stein – ein Unternehmen aus dem Messewesen

Silke Melles und Nicole Stein haben ihr Unternehmen 1998 am heutigen Standort im Alten Bahnhof gegründet. Damals wohnte Nicole Stein im Bahnhofsgebäude. Gestartet sind sie schließlich an der Ludenberger Straße. Mit zunehmendem Wachstum führte sie der Weg 2002 erst einmal nach Düsseldorf, bevor sie 2015 nach Erkrath zurückkehrten. Heute ist der Alte Bahnhof Firmenstandort. Für die notwendige Ausstattung haben sie ein Lager am Steinhof gekauft. melles & stein bietet auf Messen das ‚Rundum-Service-Paket‘, von der Begleitung durch Messehostessen,über Getränke und Speisen inklusive Geschirr hin zu Personal für Promotion und Infostände oder notwendige Logistiker. Messepersonal stellt melles & stein im Kleinen von zwei Personen aufwärts. Auf großen Messen können auch schon einmal 450 Hostessen zum Einsatz kommen. „In der Spitze hatten wir schon 600 bis 700 Hostessen im Einsatz“, gibt Silke Melles einen kleinen Einblick in das Wirken des Unternehmens, das die Krise bisher vor allem deshalb bewältigen konnte, weil in der Vergangenheit sparsam gewirtschaftet wurde. Mit einer Eigenkapitalquote von 60 Prozent stand melles & stein zu Beginn der Krise ausgezeichnet da.

Die Aussicht im September eingeschränkt zu starten, hilft uns nicht

Nicole Stein erklärt im Gespräch, dass eine Branche mit langen Vorlaufzeiten nicht von Null auf Hundert gefahren werden kann. Selbst wenn man die sechs bis neun Monate nicht benötigen würde, fehle das Vertrauen und die Planungssicherheit für die Aussteller, die derzeit – vor allem internationale Aussteller – noch sehr zögerlich reagieren. Dabei brauchen auch viele Aussteller die persönliche Begegnung, die Gespräche am Messestand, die Möglichkeit Produkte so zu präsentieren, die Besucher dann auch riechen, schmecken, hören oder fühlen beziehungsweise berühren können. Virtuelle Messen, da sind sich die Vertreter der IG Messewesen und die Damen aus dem Vorstand von melles & stein einig, bieten keinen wirklichen Ersatz. Für melles & stein, die kompletten Service auf analogen Messen bieten, wäre eine solche Messe auch kein Geschäftsmodell.

Sicher gibt es Messen, die auch virtuell halbwegs gut funktionieren. Etwa die Zukunft Personal Europe (ZP Europe), eine der wichtigsten Messen rund ums Personalwesen, die jährlich viele Besucher in die Köln Messe zieht. Für eine Branche, in der die Prozesse von der Suche übers Recruiting oder auch Eignungstests schon seit vielen Jahren digitalisiert worden sind, sicher ein eher kleines bis gar kein Problem. Für andere Messen, zum Beispiel die Anuga, eine der größten Messen für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, trifft das nicht zu. Aktuell ist sie trotz möglicher Unwägbarkeiten als Präsenzmesse im Oktober geplant. Auf der Homepage der Anuga ist folgende Botschaft zu lesen: „Einige unserer Vertriebspartner sind kürzlich nach Köln gereist und berichten von ihren persönlichen Reiseerfahrungen – von der Anreise und der Übernachtung im Hotel bis zum Zielort Koelnmesse. Ihre Botschaft: Geschäftsreisen zu Messen in Köln sind sicher!“ Diese Erfahrung ist natürlich eine Momentaufnahme, von der man nur hoffen kann, dass sie auch im Oktober noch gilt.

Die Weltleitmesse für Wasser, Wärme, Klima, die ISH, fand in diesem Frühjahr digital statt. Die Bilanz auf der Homepage liest sich positiv. „Man muss hinter die Zahlen schauen“, sagt Silke Melles, die fünf Tage lang die virtuelle Messe besucht hat. An jedemTag, an dem sie die Messe besuchte, wurde sie als neuer Besucher gezählt. Damit relativieren sich die Zahlen. Meist hätten deutlich mehr Wettbewerber als mögliche Kunden in den virtuellen Räumen gesessen. „Erklären Sie doch einmal einem Klempner, er soll das jetzt digital machen“, verrät Melles augenzwinkernd.

Wünsche aus der Branche

Wenn es nach der IG Messewesen und deren 50 Mitgliedsunternehmen geht, dann sollten die Hilfen bis Jahresende laufen und der Neustart für Messen für Anfang kommenden Jahres geplant werden. Bis dahin hätte Deutschland die ‚Herdenimmunität‘ von 75 Prozent erreicht, die Messen deutlich sicherer mache. Sie wünschen sich vor allem eine bundeseinheitliche Lösung, damit sie auch für internationale Aussteller nachvollziehbar ist. Kaum einer könne aus dem Ausland auf Anhieb sagen, in welchem Bundesland die jeweilige Messestadt liegt. „Deutschland ist Messe-Weltmeister. Wir sollten den Ausstellern ein Signal geben, dass die Messeplanung sicher ist“, erklärt Terkatz. Dafür hat die IG Messewesen das Modell einer Ausfallgarantie für Aussteller entwickelt, dass eine Art Rückversicherung für Aussteller – einen Ausstellerfond – vorsieht. Den wünscht sich die IG Messewesen von der Regierung, um Aussteller zur Messebeteiligung im nächsten Jahr zu bewegen.

Prognosen sind schwierig

Christian Untrieser hat aufmerksam zugehört und Fragen gestellt. Versprechen kann er nicht viel. „Kein Politiker würde nach den Erfahrungen aus den letzten 15 Monaten eine komplette Öffnung ab Januar zusagen. Prognosen sind aufgrund der Virusmutationen schwierig“, gibt er zu bedenken. Klagen gäbe es auch aus anderen Branchen über die Schwierigkeit des Neustarts und rechtlich gälte es den Grundsatz der Gleichbehandlung zu berücksichtigen. Nicole Stein gibt zu bedenken: „Wir waren dann zwei Jahre im Dauer-Lockdown. Das ist noch einmal etwas anderes.“ Aus ihrer Sicht sei es auch Aufgabe der Politik Prioritäten zu setzen. „Wir suchen den politischen Dialog“, macht Ralph Ebben noch einmal das Hauptanliegen deutlich.

Zum Abschied verspricht Dr. Christian Untrieser das Anliegen noch einmal mit in den Wirtschaftsausschuss des Landes zu nehmen und Wirtschaftsminister Pinkwart darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht finden die spezifischen Probleme einer Branche dann auch im Bund Gehör. „Da bräuchte man vielleicht ein spezielles Programm“, sinniert er.

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