Eine verlorene Jugend?

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Symbolbild Jugend Handy Langeweile/ Pixabay: nastya_gapp

Bürgerreporter Nils Wolfram erzählt in diesem Beitrag, wie er die Corona-Zeit bisher empfunden hat, was Freunde von der anhaltenden Pandemie halten und welche Lehre er aus der langen Pause ziehen konnte:

Das Ende eines normalen Schultages im März 2020 wurde auf dem Weg nach Hause ein ganz Besonderer: Als ich an der Haltestelle stand, wurden wir auf unseren Handys benachrichtigt, dass dies unser zunächst letzter Schultag bis nach den Osterferien gewesen sein sollte.

Die Gerüchte, die durch die Schule geisterten, wurden also vom Ministerium bestätigt, woraufhin sich die Meisten freuten, vorerst nicht mehr in die Schule gehen zu müssen. An dem Abend ging ich daraufhin mit zwei Freunden am Unterbacher See spazieren und wir schmiedeten Pläne, was wir wohl in der freien Zeit tun können, welche uns dieses Virus ermöglichen sollte. Zu diesem Zeitpunkte ahnte wohl keiner, wie lange uns dieses Corona Virus noch begleiten würde.

Nachdem die Einschränkungen noch weiter verschärft wurden, waren unsere Vorstellung von der schönen freien Zeit mit unseren Freunden zerstört und unser soziales Leben so stark eingeschränkt wie nie zuvor. Die Kontaktbeschränkungen sorgten natürlich auch dafür, dass jeglicher Vereinssport eingestellt worden war. Dies führte bei vielen Jugendlichen zu einem starken Bewegungsmangel, da der Alltag aus Home-Schooling und zu Hause vor dem PC oder dem Fernseher sitzen bestand. Um sich körperlich fit zu halten, musste man nun selbst kreativ werden, sodass viele Mitschüler sich Home-Workouts raussuchten oder- wie ich- so viel joggen gegangen sind, wie nie zuvor.

Jedoch gelang es vielen nicht, sich ständig zu motivieren und es begann so langsam langweilig zu werden. Um mit seinen Freunden wieder in Kontakt zu treten, nutzten wir verschiedene Video-Anruf-Apps. Dadurch hatte man am Tag etwas, auf das man sich freuen konnte. So etwas hätte man sich vor der Pandemie nie ausgedacht, dass man den 16. Geburtstag alleine auf dem Sofa feiert und mit seinen Freunden per Face-Time-Anruf anstößt. Im Sommer sorgten dann die Lockerungen dafür, dass man sich wieder in der Schule sah und auch die Freizeit wieder relativ normal gestalten konnte.

Man sah einige Freunde, mit welchen man im Lockdown den Kontakt etwas verloren hatte wieder und konnte neue schöne Erinnerungen sammeln, auch wenn Großevents bekanntermaßen ausblieben. Die zweite Welle traf die meisten Jugendlichen allerdings dann noch stärker als die erste, da dieses Mal so langsam das Gefühl aufkam „Jetzt kann es doch mal vorbei sein mit Corona“. Schülerpraktika wurden abgesagt und das Lernen wurde wieder auf den Distanzunterricht verlegt.

Diese Einschränkungen zur Entwicklung und Förderung unserer Stärken und Berufsvorstellungen hinterlassen bei vielen Jugendlichen Zukunftsängste, da nach Vollendung der Schullaufbahn noch seltener Berufserfahrungen gesammelt werden. Während des Onlineunterrichts kann ich aus eigenen Erfahrungen sagen, dass einigen Schüler häufiger die Motivation fehlt, manche Aufgaben zu bearbeiten oder sich im Unterricht zu fokussieren, da man sich zu Hause leichter durch kleinere Sachen ablenken lässt.

Dies betrifft vor allem die Schüler, die den Faden schon leicht verloren hatten und dann ohne die direkte Unterstützung der Lehrkräfte und Mitschüler immer mehr den Anschluss verlieren. Da fehlt vielen Jugendlichen das Verständnis, dass die sozialen Einschränkungen auch die schulischen Leistungen beeinflussen können. Genau wie die Schüler, werden auch die Studierenden durch die Einschränkungen stark belastet. Ein ehemaliger Mitschüler erzählte mir, dass ihm vor allem der Kontakt zu anderen Studierenden fehle, „da man nie in den persönlichen Austausch komme und die erste eigene Wohnung ganz schön einsam ist, wenn man nicht durch die eigentlich entstehenden neuen Kontakte ausgeglichen wird“.

Auch wenn einige Aufgaben in Gruppen bearbeitet werden, fehlt der zwischenmenschliche Kontakt. So wird die bekannte wilde Studiums-Zeit zu einem Alleingang vor dem Laptop. Diese Erzählungen spiegeln die Umfragen eines Forschungsverbundes der Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main wieder, welche ergaben, dass fast zwei Drittel der Jugendlichen sich einsam und/oder zum Teil voll psychisch belastet fühlen.

Eigentlich wird die Zeit nach der Schule bei vielen Schüler zur Entwicklung der eigenen Interessen und den sozialen Kontakten genutzt. Um wieder etwas Neues in meinen Alltag zu integrieren und sich die Zeit zu vertreiben, begann ich daher die Gitarre meines Vaters herauszuholen. So startete ich zum ersten Mal, zusammen mit einem Freund, mir ein Musikinstrument beizubringen.

Ich konnte so doch noch etwas Gutes aus dem Lockdown ziehen, da ich eine Ablenkung aus dem sonst langweiligeren Alltag fand und so eine neue Leidenschaft entwickelte. Wenn ich Jugendliche fragte, was ihnen am meisten zurzeit fehle, bekam ich in den meisten Fällen die Antwort: „Meine Freunde und die wohl schönste Zeit unseres Lebens, welche gerade an uns vorbeizieht“. Deshalb freut sich, glaube ich, jeder Jugendlicher auf den Tag X, an welchem alle 16. und 18. Geburtstage nachgeholt werden, wir uns wieder in den Armen liegen und unsere geilste Zeit im Leben nachholen werden.

Zum Autor: Nils Wolfram besucht das Gymnasium am Neandertal und sitzt ebenso wie tausende junger Menschen derzeit im Home-Schooling. In der Vergangenheit hat der Schüler schon mehrfach Texte für Erkrath.jetzt verfasst und möchte unsere Redaktion auch in Zukunft unterstützen. Wir freuen uns, schon mehr von dir zu lesen, lieber Nils.

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