Vom “Loslassen” und “Finden”

Die Geste des "Loslassens" strahlt Jugend und Leichtigkeit aus und lässt nicht vermuten, dass die inzwischen verstorbene Dame 83 Jahre alt und auf den Rollstuhl angewiesen war. Foto: Franziskus Hospiz, Fotograf: Bernd Bleichroth

Haben Sie schon einmal eine Flaschenpost ins Wasser geworfen oder gar die Flaschenpost eines anderen gefunden?

Viele von uns denken, Flaschenpost sei ein romantisches Relikt aus der Vergangenheit, aber sie wird auch heute noch – für viele von uns unbemerkt – genutzt. Diese Erfahrung hat Gerd Michalek gemacht. Im Franziskus Hospiz verantwortet er die Öffentlichkeitsarbeit, aber vor dieser Zeit war er als Journalist tätig. Bei Recherchen zu einem Beitrag kam er mit dem Kölner Künstler Joachim Römer in Kontakt, der seit rund 20 Jahren bei seinen Spaziergängen am Rhein Flaschenpost sammelt und die Geschichten, die “Vater Rhein” mit sich trägt, sichtbar macht. Manchmal ist es ein von Kindern gemaltes Piratenbild, manchmal eine kunstvolle Illustration. Auch zwei Eheringe hat der Künstler schon in einer Flasche gefunden. Außer den Ringen enthielt die Flasche die Botschaft ” „Die in der Flasche befindlichen Ringe waren unsere Eheringe. Die Ehe, die durch diese Ringe geschlossen wurde, ist beendet. Eine neue Liebe ist entstanden, wir haben uns neu entdeckt und auf eine neue Basis gestellt. Aus diesem Grund trennen wir uns von dem ‘alten’ Symbol unsere Liebe und schaffen Platz für ein neues Band, das uns heute verbindet.”

Etwa 2000 Flaschen und andere Behältnisse hat der Künstler in den Jahren zusammen getragen und die Geschichte, die der Fluss anschwemmt, festgehalten. Sie enthalten traurige Botschaften, Bilder, Gedanken und vieles, was die Menschen einfach loslassen wollen und dem Fluss übergeben. Aber es gibt auch Flaschen, die zur Kontaktaufnahme einladen. Flaschen, bei denen der Absender hofft, dass sie gefunden werden und der Finder antwortet. Dokumentarisch hat der Künstler die Botschaften in einem Buch festgehalten. Die unendlich vielen Flaschen haben es 2015 in eine Museumsausstellung nach Bingen geschafft.

Die Flaschenpost und das Franziskus Hospiz

“Der Museumsleiter hat die Ausstellung inzwischen übernommen, so dass die Flaschen einen dauerhaften Platz gefunden haben”, verrät Gerd Michalek, der vom “Medium” Flaschenpost inzwischen ebenso fasziniert ist, wie der Künstler selbst. Und so kam es auch, dass er die Idee der Flaschenpost als Herzensprojekt mit ins Hospiz brachte.

“Das ist so toll, so bereichernd für den Finder und so befreiend für den Absender, dass ich der Meinung war, das könnten wir doch einmal gemeinsam machen”, erklärt Michalek, wie das Projekt “Flaschenpost” zum Aktionstag der Wirtschaft fand. Kinder der Sechseckschule, Hospizbewohnern und -mitarbeitern sollten gemeinsam ihre Wünsche für die Zukunft verschicken. Auf der Projektmesse des Aktionstags war Monika Zielke (Immobilien Zielke) sofort begeistert von dieser Idee.

Projektvorbereitung und -durchführung

Aber wie und wo sollte man die Flaschen mit den kleinen Botschaften in den Rhein werfen? Nach ersten Erkundigungen schien ein Schiff die Lösung zu sein. Für eine Hospiz-Bewohnerin war das sogar ein Herzenswunsch. “Ich gehe nur mit, wenn ich auch mit dem Schiff fahren kann”, äußerte sie. Dank des Projektpartners Zielke klappte auch das am Ende und so machten sich im September 2018 eine Gruppe von Kindern der Sechseckschule, Gerd Michalek und der Ehrenamtler Siegfried Thiel mit weiteren Begleitern auf den Weg. Mit dem Bus ging es für die Kinder nach Düsseldorf und wie das so ist, gab es einen Zwischenstopp bei einer Bäckerei, weil alle hungrig waren. Zur gleichen Zeit war die Hospizbewohnerin, deren Rollstuhl nicht in den Bus passte, mit dem Auto unterwegs.

Am Anlegesteg angekommen, ging es dann für alle aufs Schiff. Mit dem Rollstuhl kein leichtes Unterfangen. Der Rhein hatte Niedrigwasser und bei Nieselregen war der Steg steil und rutschig. Aber auch diese Hürde wurde mit Bravur genommen. Die Kinder kümmerten sich rührend um die Hospiz-Bewohnerin. An Bord wartete auch noch das Fotografenteam Bernd Bleichroth und Carina Wies, das Monika Zielke zur Begleitung gewonnen hatte. 30 Flaschen hatte die Gruppe an Bord. Eine davon von einer Hospizmitarbeiterin, die gerne mitgekommen wäre, aber erkrankt war. Die hat dann Seelsorgerin Carola Engel für sie abgeworfen.

Flaschenpost an die Zukunft. Foto: Carina Wies

30 Botschaften hat “Vater Rhein” bei diesem Ausflug mitgenommen. Die jüngsten Absender waren gerade sieben Jahre alt, die älteste 83 Jahre alt. Ob und wie viele davon je gefunden werden, war unklar. “Von zehn Flaschen wird im Schnitt eine gefunden”, weiß Gerd Michalek. Viele Fotos sind dabei entstanden. Auch das der Hospiz-Bewohnerin, auf dem sie jung und voller Grazie wirkt und mit einem Lächeln ihre Botschaft in den Rhein wirft.

Der erste Fund

Groß war die Überraschung, als bereits wenige Tage nach dem Abwurf der erste Fund zu vermelden war. Eine Gruppe junger Umweltschützer, die sich “Plastikpiraten” nennen, hatte die Glasflasche mit der Botschaft bei einer Aktion, bei der sie Plastikmüll an der Uferböschung einsammelte entdeckt. Elf Kilometer weit war die Flaschenpost an die Zukunft gekommen. Die Absender waren Kurt und Monika Zielke, die das Projekt gemeinsam mit dem Hospiz und der Sechseckschule umgesetzt hatten. Natürlich haben die beiden sich gefreut, wünschten sich aber auch, dass noch mehr Flaschen gefunden werden.

Im Januar dieses Jahres war es dann soweit: Hospiz-Mitarbeiterin Evelyn Beckmann erhielt eine Email aus Meerbusch, aus der sie erfuhr, dass ihre Flasche gefunden wurde. Beckmann, die ihre Flasche krankheitsbedingt nicht selbst in den Rhein geworfen hatte, war vom Fund überrascht. Eine Spaziergängerin, die wie schon die Findern der ersten Flaschenpost, an der Uferböschung Müll einsammelte, hatte ihre Flaschenpost gefunden.

Zwei von insgesamt 30 “Flaschenpost an die Zukunft” haben keinen sehr weiten Weg zurückgelegt. Die erste wurde elf Kilometer vom Abwurfort, die zweite vier Kilometer entfernt gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass noch weitere Flaschen gefunden werden, die der Rhein weiter weg getragen hat. Und vielleicht findet sich “Die Flaschenpost an die Zukunft” aus dem Franziskus Hospiz später einmal in dem Museum in Bingen wieder, in dem die vielen Geschichten aus dem Rhein, die Künstler Joachim Römer zusammengetragen hat, ausgestellt werden.


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