Und dann war alles anders

V.l.n.r.: Filiz Gwiasda, Andreas Müller, Nora Diecks und Miriam Zenz. Foto: RG

Die Angebote der pro familia sind Präsenzangebote. So war es zumindest vor Corona.

In dieser Woche präsentierte die pro familia ihren Jahresbericht. Wie Corona Leben und Arbeiten verändert hat, ist auch hier zu spüren. „Ab Mitte Mai 2020 sind die sexualpädagogischen Angebote für Schulen gen Null gesunken“, berichtet Beratungsstellenleiter Andreas Müller. Das betraf besonders seinen Arbeitsbereich. Er ist Dipl.-Sozialabbeiter und Sexualpädagoge. Kurzarbeit gab es deshalb bei der pro familia nicht. Die Angebote, zu denen auch die Schwangerschaftskonfliktberatung gehört, sind systemrelevant und Müller hat sich verstärkt in die Einzel- und Paarberatung, sowie die sexualpädagogische Einzelberatung eingebracht, denn dort ist der Bedarf während der Pandemie gestiegen. Ein wenig Zeit für die Ausarbeitung neuer Konzepte blieb ihm auch.

„Ich dachte zuerst Beratung per Videocall, das geht doch nicht“, blickt Gynäkologin Dr. med. Kathrin Schnabel auf das letzte Jahr zurück. Bei der pro familia ist ein zertifiziertes System im Einsatz und im Rahmen der Pandemie wurde selbst die Schwangerschaftskonfliktberatung auf diesem Wege anerkannt. In der Beratung fand das Gespräch per Videocall schnell Akzeptanz. „Die Themen sind geblieben. Vom unerfüllten Kinderwunsch über schwierige Schwangerschaften und Krisen nach Geburten“, berichtet Schnabel. Für viele hätte sich die Beratung via Video sogar sehr positiv ausgewirkt. Eltern brauchten keine Babysitter, konnten ein Gespräch auch mal in der Mittagspause führen und waren oft deutlich entspannter. Die Videoberatung hat die Nachfrage nach ihrer Expertise in der Reproduktionsmedizin für Paare mit Kinderwunsch sogar deutlich steigen lassen, da auch Paare aus der weiteren Umgebung die Beratung in Anspruch nehmen konnten. Die Fallzahlen sind hier im vergangenen Jahr um 85 Prozent gestiegen. Auch Corona selbst hat die Nachfrage steigen lassen. Gerade zu Beginn der Pandemie gab es hier Beratungsbedarf für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch.

Auch in anderen Bereichen, wie der Sozialberatung oder der Psychologischen Beratung haben sich die Auswirkungen der Pandemie in der Beratung niedergeschlagen und auch hier hat sich das niederschwellige Angebot der telefonischen Beratung oder Beratung per Videocall positiv ausgewirkt. „Bei Sozialphobien, wenn Menschen Angst haben, das Haus zu verlassen, ist diese Art der Beratung eine deutliche Erleichterung“, weiß Filiz Gwiazda. Die Sozialpädagogin ist in der Elternzeitvertretung für Nora Diecks zum Team in Mettmann gestoßen. In sozialrechtlichen Fragestellungen haben vor allem Schwangere und Paare Fragen zum Elterngeld, Elternzeit und möglichen finanziellen Hilfen vorgebracht. „Für manche war es hilfreich auch einfach einmal zu hören, dass auch soziale Gründe rechtfertigen, dass man seine Kinder in die Notbetreuung gibt“, weiß Gwiasda, dass es viele Unsicherheiten gab. Auch Fragen zu Kinderkrankentagen, die in der Pandemie auf 30 erhöht wurden, konnten beantwortet werden.

In der Beratungsstelle war im letzten Jahr vor allem Beratungsstellenassistentin Miriam Zenz anzutreffen. Teammeetings fanden ebenfalls per Video statt. „Das war bisweilen ganz schön einsam“, gesteht sie, dass sie die Kollegen vermisst hat und sichtlich froh ist, sie wieder öfter um sich herum zu haben. „Die Präsenzberatung muss künftig Vorrang haben, aber nach den Erfahrungen im letzten Jahre wäre künftig ein ’sowohl als auch‘ wünschenswert“, erklärt Dr. Katrin Schnabel. Andreas Müller weiß, dass in der Leitungskonferenz des Verbandes bereits diskutiert wird, ob es die Beratung per Telefon und Video auch nach Corona ergänzend geben soll. Er selbst wünscht sich natürlich vor allem, dass die Schulen nach den Sommerferien im Präsenzunterricht bleiben, damit auch die sexualpädagogischen Angebote in Schulen wieder wahrgenommen werden können.

Wenn das Team der pro familia im Kreis Mettmann Wünsche frei hätte, dann wäre das eine stelle für eine weibliche Sexualpädagogin, die Müller bei den Angeboten für Schulen unterstützen kann und mehr finanzielle Mittel für Verhütungsmittel, die kostenfrei an Frauen abgegeben werden können, denen das Geld dafür fehlt. „In der Sozialhilfe wurden Verhütungsmittel früher komplett übernommen. Im ALG II Satz sind monatlich 3 Euro vorgesehen“, erklärt Beratungsstellenassistentin Miriam Zenz das Dilemma. „Wir sind wirklich dankbar, dass der Kreis ein Budget bereitstellt, aber das ist Ende des Monats bereits aufgebraucht“, ergänzt sie. Der Bedarf sei deutlich höher. Für geflüchtete Frauen übernimmt das Land die Kosten für Verhütungsmittel. Der ‚Verhütungstopf‘ des Kreises ist für Frauen in psychozialen Notlagen gedacht. Das wiederum macht es manchmal schwer. Wo fängt die psychosoziale Notlage an, und wo hört sie auf? Während Corona waren es manchmal auch Studentinnen, die ihren Job in der Gastronomie verloren hatten, denen das Geld fehlte. Hier springt dann schon einmal der Förderverein ein.

Die pro familia Beratungsstelle im Kreis Mettmann wird in der Präsenzberatung vor allem von Menschen aus Erkrath, Mettmann, Wülfrath und Haan in Anspruch genommen. Das erweiterte Angebot per Telefon und Video hat den Radius vergrößert. Informationen zur Erreichbarkeit und zum Angebot sind der Homepage zu entnehmen.

Das Team der pro familia im Kreis Mettmann

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