„Stricken war keine Lösung“

Michaele-Gincel-Reinhardts neue Leidenschaft – neben der Politik – ist ihr VW Bulli./Foto: Nicole Marschall

18 Jahre lang leitete Michaele Gincel-Reinhardt die Stadtbücherei Erkrath. Inzwischen ist sie seit vier Jahren in Rente. Doch von „Ruhestand“ kann bei ihr keine Rede sein.

Rentner haben nie Zeit. Das weiß jetzt auch Christina, die Tochter von Michaele Gincel-Reinhardt. „Früher konnte ich meine Mutter zumindest immer in der Bibliothek erreichen“, sagt sie, „heute ist sie ständig unterwegs.“ Dabei fing der Ruhestand der ehemaligen Leiterin der Stadtbücherei Erkrath recht beschaulich, um nicht zu sagen langweilig, an. „Im ersten Winter nach der Pensionierung habe ich jede Menge Socken gestrickt“, lacht Michaele Gincel-Reinhardt: „Die wollte schon gar keiner mehr haben.“ Besonders die ersten drei Wochen seien „ganz schlimm“ gewesen, erzählt sie: „Die Bibliothek war ja auch immer ein Ort der Begegnung. Wir haben schon damals unheimlich viel gemacht: Ausstellungen, Lesungen und andere Veranstaltungen. – Und dann saß ich von einem Tag auf den anderen zuhause rum. Die Taktung fehlte plötzlich.“

Ein Urlaub mit ihrer in Frankreich lebenden Schwester zerschlug die Lethargie jedoch schnell. Von da an konnte sie die neue Freiheit und anschließend auch das „Rentnerleben“ zuhause mit Kater Giacomo genießen und neu gestalten. Die Stadtbücherei fehlt ihr allerdings noch heute. 18 Jahre war sie dort als Leiterin tätig. Das hakt man nicht mal eben so ab. Heute ist sie zwar nur noch selten vor Ort, doch wenn, dann hat sie nach wie vor das Gefühl „Ich gehöre hier hin und will wieder los legen“. Zeit hätte sie dazu aber eigentlich eh keine mehr. Denn längst ist die Politik mehr als ein Hobby für sie geworden, das viel Zeit in Anspruch nimmt.

Politik macht Spaß. Meistens.

Rund zwei Jahre vor ihrer Pensionierung trat Michaele Gincel-Reinhardt in die Partei Die Linke ein und war vier Jahre Sprecherin im Kreis Mettmann. Heute ist sie Mitglied des Landesvorstands der Linken. In der Arbeitsgemeinschaft „Kunst und Kultur“ setzt sie sich insbesondere für die Themen ein, die schon in der Stadtbibliothek ihre Schwerpunkte waren, hält Vorträge und sitzt mitunter mehrere Abende pro Woche in Online-Meetings. „Es macht Spaß“, sagt sie – und fügt nach kurzem Abwägen hinzu: „meistens jedenfalls, nicht immer.“

Gerade in Sachen Kultur gilt es, dicke Bretter mit viel Engagement und Herzblut zu bohren. „Im Referentenentwurf des Kulturgesetzbuches werden Einrichtungen wie Bibliotheken weiterhin als freiwillige Leistungen gesehen“, nennt Gincel-Reinhardt einen aktuellen Punkt, der sie maßlos ärgert: „Das Land geht hier keinerlei Verpflichtung ein und schiebt die Verantwortung auf die Kommunen ab.“ Auch die durch Corona existenziell bedrohte Situation von Kunst- und Kulturschaffenden beschäftigt die engagierte Politikerin sehr. Mit der Teilnahme an Aktionen wie „#alarmstuferot“, „ARTensterben – Kulturbetrieb am Boden“ und Redebeiträgen setzte sie sich mit ihrer Partei für die Nachbesserung der Hilfsprogramme ein.

An ihrer Partei schätzt sie vor allem, „dass wir immer wieder Finger in Wunden legen“. Eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns auf 13 Euro, die Abschaffung von Hartz IV und eine generelle Neuausrichtung von Arbeitszeit- und Vergütungsmodellen nennt sie als Beispiele. Auf Bundesebene sieht sie Die Linke daher ganz klar ausschließlich in der Opposition: „Andernfalls müssten wir zu viel von unserem Profil aufgeben.“

Eine Leidenschaft auf vier Rädern

Und bei aller Liebe für die Politik gibt es da noch eine weitere große Leidenschaft von Michaele Gincel-Reinhardt: einen Bulli-Campingbus T4. Den hat sie sich kurz nach der Pensionierung gekauft. Chronischer Zeitmangel durch die Politik und seit 2020 letztlich vor allem die durch Covid-19 beschränkten Reisemöglichkeiten führten sie bisher meist auf Inlandstouren, beispielsweise in die Lüneburger Heide oder an den Bodensee. Die längste Tour mit ihrem alten Schätzchen ging nach Norwegen. „Eigentlich bin ich Frankreich-Fan und früher meist nach Frankreich in Urlaub gefahren“, erzählt sie. Warum es sie dann ausgerechnet in den Norden verschlagen hat, führt sie auf Erzählungen ihres Vaters zurück, der bei der Marine war und sich selbst einen Traum erfüllte, indem er mit einem Postschiff Norwegen bereiste. „Mich kribbelt es jetzt auch wieder“, verrät Gincel-Reinhardt ihr Fernweh: „Aber im Herbst ist ja Bundestagswahl und im Mai 2022 Landtagswahl…“

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