Rehkitze vor dem ‘Mäh-Tod’ retten

Lena Faber, Melanie Mertens, Petra Osagie (stehend v.l.n.r.) und Manuela Blechmann (hockend) gehören zur Gruppe Helfer Rehkitze. Foto: RG

Jedes Jahr sterben tausende Rehkitze durch Mähwerke. Sie suchen Schutz im hohen Gras oder auf Feldern und das gefühlt sichere Versteck wird zur tödlichen Gefahr.

Petra Osagie ist waschechte Erkratherin, kennt viele Landwirte noch aus ihrer Kindheit und ist auch mit einigen Jäger in Kontakt. Auf Frühjahrsspaziergängen hat sie in der Vergangenheit bemerkt, wie Jäger die Wiesen absuchten, um Rehkitze aufzuspüren und damit vor dem möglichen Tod durch Mähdrescher zu bewahren. Sie sprach sie an und fragte, ob sie dabei Hilfe gebrauchen können. “Hilfe können wir immer brauchen”, war die klare Antwort, die für Petra Osagie zugleich Aufforderung zum Handeln war. Sie fragte via Facebook, ob sich Helfer finden und gründete 2019 die WhatsApp-Gruppe ‘Helfer Rehkitze’. Schnell bildete sich ein fester Stamm von Helfern, die auf Abruf bereit waren. Ihre Aufgabe: Wiesen und Felder vor dem Mähen durchkämmen und Rehkitze aufspüren. Oft werden dazu lange Bambusstöcke verwendet, mit denen man das hohe Gras zur Seite schieben kann. Sie sind deutlich leichter als Holzstöcke und die Tätigkeit ist anstrengender, als viele Helfer vorher vermuten. “Manchmal ist die Wiese fast so hoch gewachsen, wie ich selbst”, beschreibt Lena Faber das Gelände, dass sie absuchen. Sie ist in diesem Jahr neu zu den Rehkitzhelfern gestoßen. Ob Wiese oder Feld: Das zu durchsuchende Gelände ist meist sehr uneben. “Das habe ich auch festgestellt”, berichtet Manuela Blechmann. Festes Schuhwerk und Trittsicherheit sind also wichtige Voraussetzungen für Helfer. Melanie Mertens empfielt darüber hinaus den Sonnenschutz nicht zu vergessen. Sie hat sich bei einer länger als erwartet dauernden Suche einen Sonnenbrand zugezogen. Sie strahlt dennoch: “Wenn man dort zwei Rehe aufgespürt hat und sieht wie sie aus der Wiese springen, hat man echte Glücksgefühle.”

Petra Osagie selbst musste nach den ersten Einsätzen aufgeben selbst die Wiesen mit zu durchstreifen. Sie ist allergisch. So beschränkt sie sich inzwischen nur noch auf die Organisation, die Kontaktpflege zu Landwirten und Jagdpächtern und übernimmt auch schon mal die Vorerkundung, um den Helfern zu beschreiben, wie die entsprechende Wiese oder das Feld am besten zu erreichen sind. Alle Rehkitzhelfer sind ehrenamtlich tätig und sie kommen nicht nur aus dem Kreis Mettmann. Manuela Blechmann zum Beispiel kommt aus Solingen. Für einen Einsatz hat sie 30 bis 45 Minuten Anfahrt. Benzinkostenersatz gibt es nicht. Selbst Bambusstöcke, Klappkisten oder Stoffhandschuhe schaffen die Helfer aus eigenen Mitteln an.

Helfer Rehkitze im Einsatz

Klare Regeln bei der Suche

Selbst berühren dürfen die Helfer die Rehkitze nicht. Zu groß ist die Gefahr, dass die Kitze vom Muttertier, der Rikke, später abgelehnt werden. Vorsichtig nimmt deshalb der Jagdpächter, den die Helfer unterstützen, behandschuht und mit ein wenig Gras oder Blattwerk das Kitz hoch. In den mitgebrachten Klappkisten oder Wäschekörben werden die Kitze dann an einen für sie sicheren Ort gebracht.

Der jeweilige Jagdpächter ist für die Helfer nicht nur Anleiter für ihre Tätigkeit. “Die erzählen uns unterwegs viel über Flora und Fauna und den Umgang mit der Natur. Man lernt ungeheuer viel”, schwärmt Lena Faber. Das Jäger längst nicht nur die sind, die mit der Flinte auf dem Rücken unterwegs sind, um Wild zu schießen, kann auch Petra Osagie berichten. “Vor Corona haben die Jäger hin und wieder zu Informationsveranstaltungen für Hundebesitzer eingeladen. Da haben sie in lockerer Runde, meist beim Grillen, den Hundebesitzern erklärt, worauf sie in Wald und Feld – vor allem in der Brut- und Setzzeit – achten müssen.”

Anders als in vielen anderen Bundesländern gibt es in NRW keine durchgängige Anleinpflicht für Hunde in der Brut- und Setzzeit, sodass das Überleben vieler Jungtiere vom Sachverstand und Verständnis der Hundebesitzer abhängt. Der Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen hat dazu einen Flyer für Hundebesitzer (PDF zum Download) herausgegeben. Auch der BUND informiert zum Thema. “Die Informationen sind nicht nur für Hundebesitzer wichtig. Viele Spaziergänger sind in der Brut- und Setzzeit abseits von Wegen in Wald und Feld unterwegs und wissen meist gar nicht, dass sie damit Jungtiere gefährden”, legt Petra Osagie allen ans Herz, sich zu informieren.

Der Flyer des Landesjagdverbands NRW

Rehkitze, die im Gras Schutz suchen

Wie die Helfer sind auch die Jagdpächter bei der Rehkitzrettung ehrenamtlich tätig. Wenn Landwirte im Frühjahr Wiesen mähen oder Felder abernten, rufen Sie die jeweiligen Jagdpächter vor an, damit diese tätig werden können. Nicht jedes Kitz wird bei der herkömmlichen Suche aufgespürt. Immer noch finden Rehkitze beim Mähen den Tod. “Wer einmal durchs mannshohe Gras gestapft ist und nach Kitzen gesucht hat, versteht warum”, erklärt Lena Faber. Manchmal läge ein Kitz direkt neben den Helfern und wird durch das hohe Gras übersehen. Aus diesem Grund tragen die Helfer auch Bambusstöcke bei sich, mit denen sie um sich herum das Gras bei der Suche zur Seite schieben.

Helfer Rehkitze und Jagdpächter. Foto: Helfer Rehkitze

Neue Technik bei der Rehkitzsuche

Inzwischen fördert das Land Nordrhein-Westfalen die Rehkitz-Rettung aus der Luft mittels hochkomplexer Drohnen mit Wärmebildkamera. Auch die Kreisjägerschaft profitiert von der Förderung. Drei dieser Drohnen hatte die Kreis Jägerschaft in diesem Jahr beim Land beantragt, zwei wurden genehmigt, ist einem Bericht der RP zu entnehmen. Rund 8.000 Euro kostet je eines der Komplettsysteme mit Monitor, Aufladegeräten, Drohne, Kamera und mehreren Akkus. Darüber hinaus muss der Umgang damit geschult werden und es sind ein Führerschein und Genehmigungen für die Bedienung notwendig. Der Erfolg bei der Suche mittels Wärmebildkamera ist abhängig von den Temperaturen. An sonnigen Frühjahrstagen wird die Suche mit der Drohne wohl überwiegend in den sehr frühen Morgenstunden möglich sein. Kreisweit werden zwei solcher Drohnen kaum ausreichend sein, um alle Wiesen und Felder die gemäht oder abgeerntet werden müssen, abzusuchen und so werden die Rehkitz-Helfer auch im kommenden Jahr wieder bereitstehen.

Rehkitzhelfer und Jagdpächter bei ihrer Arbeit unterstützen

Rund 35 Mitglieder hat die WhatsApp-Gruppe Helfer Rehkitze, die Petra Osagie gegründet hat. “Nur ein Teil davon ist wirklich aktiv und so suche ich jedes Jahr aufs Neue Menschen, die helfen möchten”, erklärt sie. Manche Gruppenmitglieder seien einfach nur interessiert und viele schaffen es nicht zu den Einsätzen, weil diese mit den Arbeitszeiten kollidieren. Den Aufruf an interessierte Helfer startet Petra Osagie im Frühjahr meist über Facebook.

Hin und wieder müssen die Helfer Rückschläge hinnehmen, wie erst kürzlich. Da hatten sie am Rand einer zu durchsuchenden Wiese drei nagelneue Klappkisten abgelegt. Als sie später an den Startpunkt zurück kamen, waren die Kisten, die privat finanziert wurden, verschwunden.

Wer die Rehkitz-Helfer unterstützen möchte, kann Klappkisten, Wäschekörbe, Stoffhandschuhe oder lange, nicht zu dünne Bambusstöcke spenden. Sicher würden sich Helfer, die eine weitere Anfahrt haben, auch über einen Benzingutschein freuen. Auch Thermohüllen für die Wasserflaschen unterwegs wären hilfreich, wenn die Suche bei sommerlichen Temperaturen einmal länger dauert. Petra Osagie ist über Facebook erreichbar. Nicht-Facebook-Nutzer können gerne eine Mail an unsere Redaktion schicken und wir leiten die Kontaktdaten an Petra Osagie weiter.

Wer ein wenig mehr für die Rehkitz-Rettung tun kann und will: Die Kreisjägerschaft freut sich sicher auch über Spenden, die die Anschaffung weiterer Drohnensysteme ermöglicht, die übrigens nicht nur für die Rehkitzrettung eingesetzt werden können. Auch in Wald und Feld vermisste Menschen, könnte man damit aufspüren.

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