Frieden in der Literatur

Lieblingsliteratur - Empfehlungen von Elke Nußbaum

'Lieblingsliteratur' Symbolbild: congerdesign / Pixabay

von der Antike bis zur Gegenwart | Ein Beitrag aus der Reihe ‘Lieblingsliteratur’ von Elke Nußbaum

Literatur kann zwar politische Verhältnisse nicht direkt verändern oder Kriege verhindern, aber sie ermöglicht uns, Dinge, Vorgänge, Strukturen und Verhaltensweisen, die wir bisher als natürlich betrachtet haben, in ihrer Gemachtheit und Relativität zu durchschauen, kurz – die Welt als veränderbar zu erkennen.

Was die Literatur anderen Darstellungsformen voraus hat, ist die emotionale Komponente. Wenn der Vorhang fällt, das Lied verklungen, die Geschichte zu Ende erzählt ist, dann arbeiten die bohrenden Fragen weiter, dann bleiben die Geschichten haften. Literatur hat eine sehr lange „Halbwertszeit“, wie z. B. die Spruchdichtungen von Laotse (etwa 300 v.) zeigen:

Damit es Frieden in der Welt gibt,
müssen die Völker in Frieden leben.
Damit es Frieden zwischen den Völkern gibt,
dürfen sich die Städte nicht gegeneinander erheben.
Damit es Frieden in den Städten gibt,
müssen sich die Nachbarn verstehen.
Damit es Frieden zwischen Nachbarn gibt,
muß im eigenen Haus Frieden herrschen.
Damit im Haus Frieden herrscht,
muß man ihn im eigenen Herzen finden.

Der Humanist Erasmus von Rotterdam (1465-1536) verfasst mit seiner Querela Paci (1517), der „Klage des Friedens“, einer pazifistischen Interpretation des Christentums, die erste bedeutende bürgerliche Kriegserklärung an den Krieg: „Der Krieg wird aus dem Krieg erzeugt, aus einem Scheinkrieg entsteht ein offener, aus einem winzigen der gewaltigste […] Wo denn ist das Reich des Teufels, wenn es nicht im Krieg ist? Warum schleppen wir Christus hierhin, zu dem der Krieg noch weniger passt als ein Hurenhaus? So mögen wir Krieg und Frieden, die zugleich elendeste und verbrecherischste Sache vergleichen, und es wird vollends klar werden, ein wie großer Wahnsinn es sei, mit so viel Tumult, so viel Strapazen, so einem großen Kostenaufwand, unter höchster Gefahr und so vielen Verlusten Krieg zu veranstalten, obwohl um ein viel geringeres die Eintracht erkauft werden könnte.“

Der Dreißigjährige Krieg und die Literatur

Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 ist eines der einschneidenden und prägendenden Erlebnisse der Barockzeit. Er wirkt tief auf die Literatur dieser Zeit. Kein Autor von Johann Jacob Grimmelshausen über Friedrich von Logau, Martin Opitz, Andreas Gryphius bis zu Paul Gerhard u.v.a. kann und will sich der Auseinandersetzung mit dem Krieg entziehen; aber auch Autoren der Folgezeit greifen immer wieder diese Thematik auf, z.B. Friedrich Schiller mit dem Drama Wallenstein, Bertolt Brecht mit Mutter Courage oder Günter Grass mit Das Treffen in Telgte.

Für alle Texte zum Dreißigjährigen Krieg gilt in unterschiedlichen Varianten, dass sie für die Darstellung von Gewaltformen stehen, wie sie der Friedensforscher Johan Galtung (geb. 1930 in Oslo, norwegischer Mathematiker, Soziologe, Politologe) definiert:

  • Direkte Gewalt, die auf den einzelnen Menschen ausgeübt wird
  • Strukturelle Gewalt, die eher indirekt wirkt: im Krieg erzwungene Kriegsdienste, Besteuerung, Konfiszierung kriegsnotwendiger Materialien, Verhinderung der Feldbestellung und daraus resultierende Hungersnot, Zerstörung von Haus und Hof mit folgender Obdachlosigkeit und Verarmung.
  • Kulturelle Gewalt, die aus den kulturellen Normen einer Gesellschaft kommt und direkte und strukturelle Gewalt legitimiert – im Krieg etwa: sich den gewaltförmigen Strukturen einer Armee zu unterwerfen, dem Befehl zu gehorchen, als Soldaten, Feinde zu töten…

Grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Überlebensbedürfnisse, Bedürfnisse nach Wohlbefindlichkeit, Identitätsbedürfnisse, Freiheitsbedürfnisse (Unterdrückung, Haft, Vertreibung) werden durch diese Gewaltformen beeinträchtigt.

Das wohl berühmteste Kriegsgedicht des 30jährigen Krieges stammt von Andreas Gryphius (1616-1664, Glogau, Schlesien) Thränen des Vaterlandes / Anno 1636.

Als Beteiligter führt er uns die schrecklichen Auswirkungen eines Religionskrieges vor Augen und damit auch die versteckten Grausamkeiten, die einem Unbeteiligten verborgen bleiben.

Was hier in veralteter Orthografie und nach den strengen Regeln der barocken Poetik aus weit zurückliegender Zeit herüberklingt, lautmalerisch und metaphorisch, ist so modern und aktuell. 

Weder macht der Krieg halt vor dem Glauben, noch respektiert er die körperliche Unversehrtheit. Mord, Rechtsbruch, Vergewaltigung, Brandschatzung und als Folge Seuchen, Hungersnot und qualvoller Tod- wir alle kennen die Medienberichte aus den derzeitigen Kriegs- und Krisengebieten und wissen um die Aktualität der im Gedicht verwendeten Bilder. Die von Gryphius in den Mittelpunkt gestellte und als Höhepunkt der Steigerung in der letzten Zeile genannte Aussage, die seiner Meinung nach die schlimmste Kriegsfolge  ist,  Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen, möge jede / jeden von uns zur Überlegung bringen, was ihr / sein Seelenschatz ist. Es lohnt sich also, mal wieder in diesen alten Texten zu lesen, um festzustellen, dass ein 19jähriger Dichter offenbar mehr Weitsicht hat als Politikerinnen und Politiker des 21. Jahrhunderts, die bereit sind, aufzurüsten und nicht danach fragen, wie es um die Zukunft steht.

Der zweite Weltkrieg und die Literatur

Wolfgang Borchert wird am 20. Mai 1921 als einziges Kind eines Lehrers und einer Schriftstellerin in Hamburg geboren.

Nach einem kurzen Engagement an der Landesbühne in Lüneburg wird er im Juni 1941 zum Militärdienst eingezogen. Von der Ostfront kehrt er mit Verletzungen und schweren Erkrankungen zurück. Zweimal wird er zudem wegen staatsfeindlicher Äußerungen und Zersetzung der Wehrkraft verhaftet und verurteilt. Bei seinem letzten Fronteinsatz im Westen gerät er 1945 in französische Gefangenschaft. Es gelingt ihm zu fliehen und die sechshundert Kilometer zu Fuß nach Hamburg zu marschieren, wo er am 10. Mai schwerkrank eintrifft.

Nach kurzer Arbeit beim Kabarett und Theater zwingen ihn Gelbsucht und andere Leiden aufs Krankenlager. Borchert erholt sich nicht mehr, wird aber schriftstellerisch sehr produktiv. Hat er bisher fast ausschließlich Gedichte geschrieben, entstehen jetzt die Erzählung »Die Hundeblume« und viele weitere Prosatexte. Damit gibt Borchert einer »verratenen Generation« eine Stimme. Bitterkeit und Trauer finden ihren Ausdruck auch in dem Kriegsheimkehrer-Stück »Draußen vor der Tür«, das, zunächst als Hörspiel ausgestrahlt, einen Tag nach Borcherts Tod in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt wird.

Borchert stirbt am 20. November 1947 in Basel im Alter von nur 26 Jahren.

Dann gibt es nur eins! ist einer der bekanntesten Prosatexte Wolfgang Borcherts, der als seine letzte Arbeit wenige Wochen vor seinem Tod entsteht und an seinem Todestag das erste Mal im Rundfunk vorgetragen wird.

Der nachgelassene Text gilt als Borcherts Vermächtnis, in dem der Schriftsteller noch einmal den Krieg als beherrschendes Motiv seines Werkes thematisiert und seine Mitmenschen in der Form eines Manifests auffordert, die Teilnahme an künftigen Kriegen zu verweigern. Die wiederkehrende Aufforderung Sag Nein! wird zu einem viel zitierten Motto in der Friedensbewegung.

Die Friedensbewegung und Dorothee Sölle

Am 25. April 1986 sitzt sie auf der Anklagebank. Vor ihr auf dem Tisch liegt eine Rose, ein Sympathiezeichen von Friedensaktivisten. In diesem kleinen Saal des Amtsgerichts Schwäbisch Gmünd sind vor ihr schon viele andere aus demselben Grund verurteilt worden: Nachrüstungsgegner, die an Sitzblockaden vor der benachbarten Pershing-2-Basis in Mutlangen teilgenommen haben, nach damaliger Rechtsauffassung eine versuchte Nötigung. Fünf Minuten lang hat Dorothee Sölle mit etwa 15 anderen Demonstranten acht Militärlaster und ein Baustellenfahrzeug an der Durchfahrt zum Raketenlager gehindert. Dann haben Polizisten sie weggetragen. Vor Gericht, das sie mit dem „Gmünder Maß“ – 20 Tagessätze, insgesamt 2000 Mark – bestraft, spricht sie vom „Projekt des Todes“, von „Kriegsvorbereitungen mit Präzision und Brutalität“, während in den armen Ländern doch Menschen verhungerten.

Dorothee Sölle (1929-2003) ist eine evangelische feministische Theologin. Poetin und Pazifistin. Eine Anerkennung im deutschen Universitätsbetrieb bleibt ihr weitgehend versagt. Als theologische Schriftstellerin und Rednerin ist sie weltweit bekannt und umstritten.

Wortmächtig und anregend hat sie das Wort genutzt, um den Friedenswillen anderer zu stärken wie in der berühmten Rede vom 10.10.1981 im Bonner Hofgarten bei der Friedensdemonstration für Frieden und Entspannung in Europa

Der Atomtod bedroht nicht nur die, die sich fürchten, sondern auch die, die glauben, mit dem Atomtod an der Hand sicherer zu sein. Aufrüstung tötet auch ohne Krieg…Wenn ein Fluss ökologisch verschmutzt ist, kippt er um. Wenn ein Land militärisch verschmutzt ist und sich zu Tode rüstet, dann kippt das Land um. Genau das erleben wir.

Stellt Euch vor, der Friede bräche aus. Nicht der Friede der Gewalttätigen, die die Megatonnen im Voraus berechnen, nicht der Friede der steigenden Dividende für Rüstungsaktien…nicht der Friede, der die Armen verkommen lässt und in der Türkei für Folterungen sorgt. Ich meine nicht die Friedlosigkeit, die in unserem Land herrscht.

Stellt Euch vor, das Volk erklärt der Regierung den Frieden, was das ist: und die Regierung versteht es endlich und erklärt es den Amerikanern. Wir verzichten auf Euren Schutz. Wir treten aus dem Bündnis aus. Wir wollen uns nicht von Euch zu Tode rüsten lassen. Die Hälfte des Geldes werden wir für die Probleme in unserem Land brauchen, für Wohnraum und Gesundheit und Schulen, für all die Ausländer, die bei uns nichts lernen dürfen. Die andere Hälfte geben wir für friedliche Projekte in der Dritten Welt aus, die die Ursachen des Verhungerns bekämpfen. Der Waffenhandel wird ab sofort verboten…

Stellt Euch vor, der Friede bräche aus…der gewaltfreie Friede, für den wir hier stehen und um dessentwillen wir keine Gewalt anwenden…

Stellt Euch vor, der Geist der Wehrlosigkeit, der Verwundbarkeit käme deutlich zutage, so dass unser Traum wirklich wird: Befreiung aus der Sklaverei, Verbannung der Sklavenhändler, die größte historische Aufgabe der Menschen auf diesem Planeten am Ende des 20. Jahrhunderts…“

Elke Nußbaum zur Textauswahl:

Zum Abschluss das Gedicht, das mich zu diesem Text geführt hat:
Hilde Domin (1909 – 2006), Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

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