Das Ende einer Ära

Unverkennbar mit roten Haaren, so kennen die Hochdahler "ihre" Familienrechtsanwältin" Foto: Victoria Greeven

Die Familienrechtsanwältin Christina Greeven-Bierkämper legt nach 56 Jahren ihr Mandat nieder und verabschiedet sich in den Ruhestand.

“Ein Hochdahler-Urgestein legt ihren Stift nieder.” Mit diesen Worten wendet sich Victoria Greeven an unsere Redaktion und verweist mit dieser Mail auf das Ende einer wahren Ära: Ihre Mutter Christina Greeven-Bierkämper legtnach über 56 Jahren Rechtsanwaltstätigkeit ihr Mandat nieder und verabschiedet sich in den Ruhestand.

Dieses Ereignis soll nicht unerwähnt bleiben, schließlich ist die Familienrechtsanwältin über Jahrzehnte hinweg ein zentrales Gesicht der Bergstraße gewesen. 1977 bezog sie ihre erste Kanzlei im heutigen Ärztehaus, bevor sie 1989 in ihre aktuelle Wirkungsstätte an der Bergstraße 12 zog.

Schulzeit im Kriegsgeschehen

Die Geschichte der engagierten Anwältin beginnt jedoch an ganz anderer Stelle. „Von dem Zeitpunkt an, als ich mir Gedanken über meinen Beruf gemacht habe, wollte ich Anwältin werden“, erinnert sich die heute 85-Jährige. Der Wunsch kam sicher nicht von ungefähr, auch ihr Vater war zeitlebens ein renommierter Anwalt.

Bevor Christina Greeven-Bierkämper in Kamen ihr Abitur absolvierte- übrigens in einer Klasse mit fünf Mädchen und 12 Jungs- besuchte sie sieben verschiedene Schulen. „Das war dem Krieg geschuldet, in dem ich aufwuchs. Die Schulen wurden teilweise zerbombt oder wir mussten umziehen.“ Ein ersten echtes Zuhause fand die damalige Schülerin schließlich in Kamen, in der Stadt in der sich auch ihr Vater mit einer Kanzlei niederließ.

Frauen wurden keine Anwälte

Die damaligen Gesellschaftsformen machten es der Hochdahler Anwältin schwer, ihren Beruf zu erlernen. „In der damaligen Zeit hatte man eine klassische Vorstellung von der Zukunft einer Frau. Und die war sicher nicht in einer Anwaltspraxis“, ist sich Greeven-Bierkämper sicher. Sie verfolgte trotzdem gradlinig ihrem Weg und fing 1954 mit ihrem Studium in Freiburg an. „Von 100 Studenten waren fünf Personen weiblich“, erklärt sie und weiß gleichzeitig, dass ein Großteil der Anwesenden Kriegsversehrte waren. „Ihnen fehlte entweder ein Arm, ein Bein oder ein Auge. Die ersten Reihen im Hörsaal waren stets für diese Versehrten reserviert. Das war selbstverständlich.“

Die Nachkriegszeit war von Aggressionen und  Depressionen geprägt und so zog Christina Greeven-Bierkämper von Freiburg über Berlin und München an die Universität Münster, an der sie ihr erstes Staatexamen absolvierte. „Ein Urlaubssemester habe ich zudem im französischen Montpellier verbracht.“

1964 fand sich die Rechtsanwältin in Berlin wieder, verbrachte dort ihr Referendariat und beobachtete zeitgleich den Mauerbau. „Zwischenzeitig habe ich auch am Institut für politische Wissenschaften gearbeitet und kurzzeitig meinen Berufswunsch aus den Augen verloren. Ich hätte mir auch vorstellen können, als wissenschaftliche Mitarbeiterin dort tätig zu werden.“ In dieser Zeit verfasste sie mit zwei weiteren Kommilitonen das Buch „Unvollendete Demokratie“, ein Werk, das auch heute noch durchaus aktuell erscheint.

Neue Wahlheimat: Düsseldorf

Nach dem zweiten Staatsexamen zog es die junge Anwältin an die französische Grenze in die Nähe der Stadt Straßburg. „Ich war ein Paradiesvogel unter den Anwälten. Frauen gab es in diesem Beruf schließlich nicht so oft.“ Doch während sie sich in der dortigen Kanzlei heimisch zu fühlen begann, wurde ihr damaliger Chef wegen Zollangelegenheiten verhaftet. „Zu der Zeit war ich bereits verlobt und habe meinen Wohnsitz zu meinem Mann nach Düsseldorf verlagert.“

Nach der Hochzeit und der Geburt des ersten Kindes kehrte Christina Greeven-Bierkämper in die Kanzlei ihres Vaters in Kamen ein, fuhr dreimal die Woche zum Arbeiten die weitere Strecke. „Ich stand vor der Entscheidung, weiter zu pendeln oder einen anderen Weg einzuschlagen. Diese Entscheidung wurde mir mit der Geburt unserer Zwillinge schließlich abgenommen“, erinnert sich die 85-Jährige lachend. Auf die Glückwünsche des damaligen Direktors des Amtsgerichtes Düsseldorf hin erwiderte die schlagfähige Hochdahlerin, dass sie rationelles Arbeiten gewöhnt ist. „Ich bin nicht zweimal schwanger, sondern bekomme gleich zwei Kinder auf einmal!“

An zentralen Punkten der Geschichte

Nach einer kurzen Erziehungspause zog es die Familienanwältin zurück an die Wirkungsstätte. Ihrem Mann, der zu dieser Zeit bei einer jüdischen Kanzlei beschäftigt war, konnte sie beruflich behilflich sein. „Das war die Zeit der Contergan-Prozesse und die Kanzlei meines Mannes war in die Verteidigung involviert.“ Doch auch die darauffolgenden Prozesse der Nazi-Verbrechen wurden von der jüdischen Kanzlei teilweise bearbeitet. Eine emotionale Zeit für Christina Greeven-Bierkämper. „Ich habe die Praxis oft mit Tränen verlassen.“

Zu Beginn der 70er Jahre kaufte die junge Familie ein Haus in Hochdahl, die damals als „Stadt im Grünen“ vermarktet wurde. Mit dem Tod ihres Vaters im Jahr 1971 übernahm die junge Anwältin die Kanzlei und baute diese über sechs Jahre hinweg aus. „Es war mein Wunsch, mich auch beruflich in Hochdahl niederzulassen, daher habe ich die Kanzlei in Kamen an zwei Nachfolger übergeben.“

Mit dem beruflichen Umzug nach Hochdahl begann für Christina Greeven-Bierkämper eine unvergessliche Zeit. Die Zusammenarbeit mit Menschen lag ihr dabei immer besonders am Herzen. „Ich habe Familien sogar über drei Generationen hinweg vertreten“, verrät sie. „Für einen Enkelsohn habe ich sogar eine Ausnahme gemacht und meine Mandantenkartei nochmal erweitert, obwohl ich bereits aufhören wollte.“

Der Wandel des Familien- und Frauenrechts

Den Wechsel des Familien- und Frauenrechts hat Greeven-Bierkämper hautnah miterlebt. „Bis 1976 musste eine Frau beispielsweise noch eine schriftliche Genehmigung ihres Ehegatten vorweisen, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben wollte. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“ Auch das Scheidungsrecht kam damals nur auf der Grundlage des Verschuldens zustande. „Und der eheliche Beischlaf nach einem solchen Streit galt bereits als Versöhnung. Das haben viele böse Männer ausgenutzt.“

Menschen auf ihren schweren Wegen zu begleiten, hat die Arbeit der baldigen Pensionärin ausgemacht. So wurde aus einem jungen Haudegen nach einer ordentlichen Kopfwäsche ein Geselle, aus einer Bande klauender Jugendlichen eine freundliche Truppe. „Letzteres lediglich nach einer Portion Spagetti.“

Leicht fällt es Christina Greeven-Bierkämper nicht, ihre Arbeit nach 56 Jahren niederzulegen. Langeweile wird allerdings nicht aufkommen. Für ihre Enkel verfasst sie derzeit einen Schriftsatz, der von ihren Erfahrungen als Kriegskind berichtet.  

Kommentar: Schon für frühere Geschichten bekam ich Christina Greeven-Bierkämper vor meinen Block und erlebte stets eine unverkennbar rothaarige und wortgewandte Dame, die ihren Gedanken freien Lauf ließ. Über das Ende ihrer beruflichen Laufbahn zu schreiben, stellt für mich demnach nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern eine wahre Ehre dar. Für die “Un”Ruhezeit wünsche ich Frau Greeven-Bierkämper das Allerbeste und besonders Gesundheit/ Tanja Bamme


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1 Kommentar

  1. Eine liebe Frau und Mutter, sowie für Ihre, als auch uns Nachbarskinder war Sie hertzens gut.Die älteste Tocher ( V.) die zwillinge ( L.& K. )und der Nachwuchs… Wir ( ich ) waren Zeuge dieser tollen Famielie. Meine Geschwister und ich könnten auch zusehenst aus der Zeit resümieren. Ev.bekomme ich einmal Kontakt zu der Famielie. MFG G. M.

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